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„It Must Schwing! The Blue Note Story“, ARD Vom Vorkriegs-Berlin bis zum Musikfernsehen

Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Eric Friedler widmet sich in einer NDR-Produktion der Geschichte des Jazzlabels Blue Note.

It Must Schwing! Die Blue Note Story
Blue Note Records entdeckte und produzierte eine beeindruckende Liga von Weltstars der Jazz-Musik. Darunter auch den Künstler Miles Davis. Foto: NDR

In den 1920er-Jahren gab es noch keine Tonfilme. Bedauerlich, drangen doch aus den USA neue Klänge ins alte Europa herüber. Hilfsweise muss das geschriebene Wort diese quirlige Ära lebendig werden lassen. 1925 schwärmte Artur Michel in der „Vossischen Zeitung“: „Diese exzentrische Musik empfängt man nicht aus der feierlichen Distanz, in der unsere Konzert- und Opernbesucher Brahms und Wagner, ja auch Strauß genießen. Schon wenn das Vorspiel zu Ende geht, ist man körperlich-motorisch so erregt, daß man kaum mehr still sitzen kann (…).“

Michels Begeisterung galt Sam Wooding und den Chocolate Kiddies, einer US-amerikanischen Musikrevue mit Jazzorchester, Sängern und Tänzern. An einem der Gastspielabende stahl sich ein siebzehnjähriger Spund in den Saal des Berliner „Admiralspalasts“, nachdem das Plakat seine Neugier geweckt hatte. Der Bengel hörte auf den Namen Alfred Löw. Vierzig Jahre später erinnerte er sich: „Zum ersten Mal sah ich farbige Musiker. Ich hörte ihre Musik und war total hin und weg.“

Man darf wohl sagen, dass dieser Abend immensen Einfluss auf die neuere Kulturgeschichte hatte. Löw lernte den gleichaltrigen Fotografen Franz Wolff kennen, und weil sie auf die beiden zutrifft wie auf kaum jemanden anders, ist die berühmte Dialogzeile aus „Casablanca“ an dieser Stelle mehr als angebracht: Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Sie überstand die Vertreibung durch die Nazis, den Neuanfang in New York und die gemeinsame Geschäftstätigkeit. Alfred Lion war Mitbegründer des legendären Jazzlabels Blue Note, und Franz, später Francis Wolff, wurde sein Partner, nachdem auch er Deutschland verlassen hatte.

Wenn die Bilder fehlen

Gerade wurden die wilden Zwanzigerjahre in der TV-Serie „Babylon Berlin“ pompös in Szene gesetzt, eher ein Schlachtengemälde als eine feingliedrige Erzählung. Zwar lässt auch der Dokumentarfilmer Eric Friedler die bekannten Aufnahmen aus Berliner Neonnächten nicht aus, geht aber ansonsten einen anderen Weg, die Erlebniswelt seiner Protagonisten zu illustrieren. Wo keine dokumentarischen Aufnahmen vorliegen, arbeitet er mit animierten Sequenzen, erstellt von Rainer Ludwigs und Tetyana Chernyavska (Illustrationen: Deli Creative Collective). Es ist erkennbar keine originalgetreue Wiedergabe, sondern eine Annäherung an die Geschehnisse und damit ehrlicher als so manche scheinbar authentische Montage aus zeitgenössischen Filmmaterial. Denn jeder Dokumentarfilm ist auf seine Weise inszeniert, durch die Motivwahl, den Bildausschnitt, die Montage. Und häufiger, als man meint, werden Szenen für die Kamera gestellt.

Friedler mischt Real- und Trickfilmsequenzen mit eigenen Interviews, und er kann auf einen gewaltigen Schatz zurückgreifen: Der Fotograf Francis Wolff lichtete die Künstler seines Labels ab, auf der Bühne, im Studio, privat. Er hinterließ damit nicht nur wertvolle Bilddokumente, seine Fotografien besitzen einen hohen künstlerischen Rang. Viele davon wurden für die Gestaltung der Plattencover und Broschüren genutzt. Auch ein Sektor, in dem Blue Note völlig neue Wege einschlug. Vordem war es nicht üblich, dunkelhäutige Musiker auf den Umschlägen abzubilden, es galt als verkaufshemmend.

Alfreds Gespür für den Groove

Wolffs lichtbildnerischer Tätigkeit ist im Film ein eigenes Kapitel gewidmet, das seine Leistung leider ein wenig schmälert. Wolff arbeitete mit einer zweiäugigen Spiegelreflexkamera und einem externen Blitz. Er musste die Kamera halten, scharf stellen, den Film transportieren, den Blitz ausrichten. Mit zwei Händen eigentlich kaum zu bewältigen. Und doch gelang es ihm, den Auslöser immer im richtigen Moment zu betätigen. Im Animationsfilm sieht das alles sehr viel leichter aus – der gezeichnete Wolff knipst wie mit einer motorgetriebenen Kamera. Die aber gab es damals noch nicht.

Der Zeitzeuge Herbie Hancock beschreibt amüsiert, wie Francis Wolff mit tapsigen Bewegungen im Studio zwischen den Musikern herumtänzelte. Wenn Francis nicht tänzelte und Alfred den Kopf schüttelte und mit unüberhörbarem deutschen Akzent forderte „it must schwing!“, dann stimmte etwas nicht mit der Einspielung. Darauf konnte man sich verlassen. Und die Musiker taten es.

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