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Isolationshaft 23 Stunden am Tag

Arte zeigt mit „8m2 Einsamkeit“ einen beklemmenden Dokumentarfilm über Isolationshaft in den USA.

Menschenleer und höllisch laut – die Halle im Trakt der Isolationszellen des „Red Onion“ in Virginia. Foto: © WDR/Nelson Hume

Ich habe nichts getan, wofür man zum Tode verurteilt würde. Aber bis an mein Lebensende in Isolationshaft zu bleiben, ist wie die Todesstrafe“, sagt Dennis.

Der Dokumentarfilm „8m2 Einsamkeit“ zeigt kaltblütige Täter, die in einem fast ebenso kaltblütigen Justizsystem langsam aber sicher an den Rand ihres Verstandes gebracht werden. In dem beklemmenden Film, den der in jüngster Zeit besonders für seine hochklassigen Serien gefeierte amerikanische Pay-TV-Sender HBO in Kooperation mit WDR und SWR produziert hat, blickt man tief in einen staatlich gesicherten Abgrund. Sachlich und distanziert nähert sich Filmemacherin Kristi Jacobson den Insassen und Wärtern des „Red Onion“, einem sogenannten Supermax-Gefängnis im US-Bundesstaat Virginia.

Dort sitzen Männer ein, für die der „normale“ Strafvollzug nicht reicht, sie haben sich nicht an die Regeln gehalten: Ein Ausbruchsversuch, Gewalt gegen Mithäftlinge oder Wärter oder andere Rechtsbrüche bringen sie in die Isolationshaft, hinter dicke blaue Stahltüren. 2,5 mal 3 Quadratmeter groß sind die Zellen, in denen die Verurteilten sitzen – 23 Stunden am Tag. Eine Stunde täglich dürfen sie nach draußen, um zu duschen, um – bei gutem Benehmen – zu arbeiten (Plastikbesteck, Salz- und Pfeffertütchen in eine Serviette wickeln, für die Kantine) oder um eine Stunde an der frischen Luft in einen kleinen Käfig eingesperrt zu werden. Dort gehen sie auf und ab wie Raubtiere im Zoo, zwanghaft, rastlos.

Randall wirkt nahbar, reumütig, wie die meisten der Insassen, die im Film zu Wort kommen. Doch während sie mit echter Verzweiflung über die Entbehrungen, die physische Belastung der Isolationshaft sprechen, schildern sie die Taten, die sie ins „Red Onion“ gebracht haben, mit einer solchen Distanz – „ich schoss ihm in die Brust, er fiel hin, ich schoss ihm zweimal in den Rücken, ich schoss ihm sechsmal in den Hinterkopf“ –, die den Zuschauer verstehen lassen soll, dass diese Männer bestraft werden müssen – ohne ihn dabei von dem Gedanken abkommen zu lassen, dass die Isolationshaft vielleicht nicht gerade der richtige Weg ist.

Wenn die Häftlinge erfolgreich an einem sogenannten Stufenprogramm teilnehmen, dürfen sie nach einer gewissen Zeit in der Isolationshaft ein elektronisches Gerät besitzen (einen MP3-Player beispielsweise), später einen Fernseher, beides aus durchsichtigem Plastik, damit nichts im Gehäuse versteckt werden kann.

Das Fernsehen nimmt dann einen großen Teil der Zeit in der Zelle in Anspruch, doch jeder Insasse hat zudem seine eigene Art, sich die langen Stunden zu vertreiben und die immer wieder aufsteigende Frustration über die Situation niederzuringen.

Michael erzählt, dass er zweimal am Tag seine komplette Zelle putzt, den Boden, die Wände, morgens und abends. Lars macht Sport, so viel wie möglich, so gut er es in der Zelle kann: „Meistens bis zu vier Stunden täglich, um meine depressiven Gedanken loszuwerden.“ Wenn er das nicht schaffe, müsse er sich umbringen, sagt er. „Aber dazu bin ich zu feige.“ Ein anderer Häftling wünscht sich indes, von den Wärtern in seiner Zelle verprügelt zu werden: „Kommt und gebt es mir richtig, ich habe so viel Schmerz angehäuft, ich will ihn jetzt auch mal spüren.“

Das Filmteam lässt die Erzählungen für sich sprechen, noch mehr die Bilder der leeren Halle des „Red Onion“ und des Wachmannes, der mit einem Gewehr im Anschlag den Raum überblickt, sollte einer der Häftlinge auf seinem Gang zur Dusche oder zum Hof einen Wärter angreifen. Der Raum ist meist menschenleer, aber er ist erfüllt vom Höllenlärm der Insassen, die in ihren Zellen schreien und an die Türen hämmern. Berührt und verunsichert verlässt der Zuschauer gemeinsam mit der Kamera nach 86 Minuten das Gefängnis und war wahrscheinlich selten so froh, eine freie Frau/ein freier Mann zu sein.

„8m2 Einsamkeit“, Arte, 22.15 Uhr.

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