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„In Wahrheit – Mord am Engelsgraben“, Arte Verzweiflung in allen Gesichtern

Mit „In Wahrheit – Mord am Engelsgraben“ zeigt Arte eine ambitionierte Krimiproduktion mit überzogener Theatralik, aber einem verheißungsvollen Ermittlerduo und damit großem Fortsetzungspotenzial.

In Wahrheit
Christina Hecke als Saarbrücker Kriminalkommissarin Judith Mohn. Foto: imago

Wieder einmal ein Mörder mit Sinn für bildwirksame Inszenierungen. Wie ein biblisches Menschenopfer lag der Leichnam hingebettet auf einem Ameisenhaufen mitten im Wald. Was der Kamera erlaubte, nach dem Blick auf den bereits verwesenden Frauenkörper durch die Wipfel hinaufzusteigen und aus der Vogelperspektive die Saarschleife in den Blick zu nehmen. Malerisch.

Trieb da ein Serientäter sein Unwesen? Das nächste Bild zeigte eine rennende Frau, scheinbar verfolgt von einem Mann. Aber Entwarnung – es waren die Kommissare Judith Mohn (Christina Hecke) und Freddy Breyer (Robin Sondermann) beim gemeinsamen Dauerlauf. Und beim Austausch von Neckereien, die auf mehr als freundschaftliche Kollegialität schließen ließen.

Von der Laufstrecke weg wurden sie zum Tatort gerufen. Die Tote war Prostituierte, die Ermittlungen führten auf den Fernfahrerstrich. Und ergaben einen möglichen Zusammenhang mit einem älteren Fall, dem Verschwinden einer jungen Tramperin. Ebenso wie die Familie des Mädchens litt der weiland zuständige, inzwischen pensionierte Kommissar Zerner (Rudolf Kowalski) noch immer darunter, dass die 16-jährige Maria nie gefunden werden konnte.

Dem von Harald Göckeritz und Miguel Alexandre geschriebenen Saar-Krimi „In Wahrheit“, ein Beitrag des ZDF zum Arte-Programm, war die Ambition anzumerken. Keine klassische Detektivgeschichte sollte es sein, es ging den beiden Autoren, Alexandre übernahm auch Kamera und Regie, um die Auswirkungen eines Verbrechens auf unmittelbar Beteiligte und auch auf Randfiguren, die auf eigene und recht bizarre Weise Nutzen ziehen wollten aus der Tat – hier ein über der Pflege des bettlägerigen Vaters vereinsamter und in die Verzweiflung getriebener Außenseiter, der seinem bedrückenden Dasein selbst um den Preis der Freiheitsaufgabe zu entfliehen suchte.

Auf ein Entkommen hoffte auch die Schwester der vermissten Maria, weil deren Abwesenheit die Eltern gefangen hielt und mehr beschäftigte als die Gegenwart der Jüngeren. Marias damaliger Freund wurde von dem Gedanken verfolgt, dass er sie vielleicht hätte retten können – sie hatte kurz vor ihrem Verschwinden mit ihm telefoniert und wollte abgeholt werden. Er kam zu spät.

Dann gab es noch Heike Kupka (Anna Loos), Ehefrau eines Frachtunternehmers, die seit langem argwöhnte, dass ihr Mann in Marias Verschwinden und vielleicht auch in den Mord an der Prostituierten verwickelt war. Der kernige Fernfahrer Kupka (Christian Berkel) wurde erst verdächtigt, dann entlastet und geriet doch wieder ins Visier der Ermittler.

Es liegt wohl in der Natur des Genres, dass der Film gewisse Übereinstimmungen mit der gerade erst im April ausgestrahlten britischen Serie „The Missing – Wo ist Oliver?“ aufwies. Aber der Vergleich zeigt auch Unterschiede. Die deutsche Produktion setzte erheblich auf Theatralik, auf ostentative Verzweiflung, auf aus- und herausgestellte psychische Belastungen und Deformationen. Durch diese übertriebene Betonung enthoben die Autoren ihr Thema der Erfahrungswelt der Zuschauer. Wahre Verstörung aber zeigt sich, wenn der Schrecken abrupt in den ganz normalen Alltag einbricht.

Verheißungsvoll gerieten hingegen die Porträts der beiden Ermittler, die sich in einem Spannungsfeld zwischen Zuneigung und beruflichem Zwist bewegen, verkompliziert noch durch den Umstand, dass Kommissarin Judith Mohn anderweitig liiert ist und sich aus dieser Verbindung kaum wird lösen können, denn ihr Lebensgefährte ist psychisch erkrankt. Eine Ausgangssituation voller Möglichkeiten für eine Fortsetzung als Serie, doch nach Auskunft des Senders ist dergleichen zur Zeit nicht geplant. Es wäre schade, wenn das ZDF und Arte diese Chance ungenutzt verstreichen lassen sollten.

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