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„Im Namen meines Sohnes“ Porträt eines Besessenen

„Im Namen meines Sohnes“ ist ein fesselndes Drama mit Tobias Moretti als Vater, der sein halbes Erwachsenenleben mit der Suche nach dem Mörder seines Sohnes verbringt.

03.05.2016 07:49
Tilmann P. Gangloff
Claus (Tobias Moretti, li.) und Sohn Sebastian (Merlin Rose) besuchen den Ort, an dem die Leiche des damals zwölfjährigen Hannes gefunden wurde. Foto: ZDF und Nicolas Maack

Die Handlung dieses auf authentischen Ereignissen beruhenden Dramas ist rasch erzählt: 1992 verschwindet ein zwölfjähriger Junge aus einen norddeutschen Internat, kurz drauf wird seine Leiche gefunden; die Polizei hat keinerlei Anhaltspunkte. Der Vater des Kindes gibt jedoch keine Ruhe, sein Dasein kreist fortan einzig und allein um die obsessive Suche nach dem Mörder.

Damir Lukacevic (Buch und Regie) ist bislang vor allem durch den kleinen, aber sehr überzeugenden Science-Fiction Film „Transfer“ (2010) aufgefallen, der auf besondere Weise vom Traum der ewigen Jugend erzählte. In „Im Namen meines Sohnes“ geht es dagegen um das Ende des Lebens, denn mit dem Tod seines Jungen stirbt auch ein Teil von Claus Jansen. Fortan vernachlässigt er seine Familie und seine Arbeit, sammelt Spur um Spur und lässt auch dann nicht nach, als die Polizei den Fall längst zu den Akten gelegt hat; aus seiner Sicht ein weiterer Beleg dafür, dass der leitende Ermittler (Maxim Mehmet) mit dem Internatsleiter (Falk Rockstroh) unter einer Decke steckt und die Sache vertuschen will.

Jansen findet raus, dass es in diversen Landschulheimen der weiteren Umgebung immer wieder zu mysteriösen Vorfällen gekommen ist. Die Kinder berichten von einem „Maskenmann“, aber offenbar wird ihnen nicht geglaubt. Weil der Täter sein Unwesen in verschiedenen Bundesländern treibt, entgeht den Behörden, dass es sich immer wieder um denselben Mann handelt; und das, obwohl es zu weiteren Morden kommt.

Lukacevic lässt seine Hauptfigur zwar wie einen Ermittler arbeiten, aber ein Krimi im üblichen Sinn ist „Im Namen meines Sohnes“ trotzdem nicht; der Film ist in erster Linie das Porträt eines Besessenen. Einzig die Hingabe, mit der Tobias Moretti diesen Mann verkörpert, verhindert, dass Claus Jansen zum Antihelden wirkt: Stundenlang vergräbt er sich in seiner zum Recherchezentrum umfunktionierten Garage, in der sich Ordner an Ordner reiht.

Ähnlich glaubwürdig ist Inka Friedrich als Heike Jansen, die ihren Gatten lange unterstützt, selbst wenn sie ihn immer wieder daran erinnern muss, dass das Paar mit dem kleinen Sebastian noch einen zweiten Sohn hat. Erst Jahre später, als der mittlerweile erwachsene Junge auszieht, verlässt auch Heike ihren Mann; immerhin hat Claus jetzt im Wohnzimmer den Platz, den er für sein umfangreiches Material braucht. Und dann ist es ausgerechnet Sebastian (Merlin Rose), der ihn beim gemeinsamen Anschauen eines alten Super-8-Films mit einer Kindheitserinnerung den entscheidenden Hinweis gibt. 2012, zwanzig Jahre nach der Tat, wird der Mörder endlich überführt.

Angesichts des überschaubaren Schaffens von Lukacevic, der für seine Kurzfilme zwar mehrere Preise bekommen, in den letzten zwölf Jahren aber nur drei Filme inszeniert hat, ist die Reife seines jüngsten Werks um so bemerkenswerter. Großen Anteil daran dürfte der erfahrene Kameramann Jörg Widmer haben. Abgesehen von einer frühen Internatsszene, in der Lukacevic mit einer fahrigen Kamera und Schnitten mitten im Satz irritiert, ist die Bildgestaltung gerade auch dank der vielen Luftaufnahmen bemerkenswert. Schon der Einstieg mit einem Kameraflug durchs Schneetreiben sorgt für einen Sog, der direkt in die Geschichte hineinzieht.

Da sich die Handlung über zwei Jahrzehnte erstreckt, machen auch der Wandel von Mode, Frisuren und Technik einen gewissen Reiz des Films aus. Lukacevic und Widmer stellen das nie aufdringlich in den Vordergrund, aber gerade die Entwicklung der Informationstechnologie spielt eine große Rolle bei Jansens Recherchen. Zeitungsartikel und TV-Ausschnitte unterstreichen nicht nur die Authentizität der Ereignisse, sondern sorgen auch für eine optische Komplexität. Interessant ist auch Lukacevics elliptische Erzählweise. Immer wieder spart er wichtige Momente aus und beschränkt sich auf die Szene danach. Die schöne Musik (Ingo Ludwig Frenzel) schließlich ist zwar zurückhaltend, aber dennoch auf unaufdringliche Weise präsent und wie der gesamte Film gefühlvoll, aber nie pathetisch.

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