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Illner zu „Italiens Crashkurs“ Italien: kein Grund zur Panik

Nach den Griechen nun die Italiener: Die Deutschen haben ein neues Schwarzes Schaf in Europas Herde erkannt und fürchten sich – oder doch nicht?

Neuer Premier Giuseppe Conte: kein Grund für deutsche Herablassung. Foto: rtr

Der Einspieler versuchte sich in bester Bildzeitungsmanier in Alarmismus: „Diese beiden Männer erschüttern Europa“ hieß es da zu Bildern von Italiens neuen starken Männern Luigi Di Maio, Spitzenkandidat der „5-Sterne“ und Matteo Salvini, Chef der „Lega“. Deren Regierungskoalition sei ein „Erdbeben“. Aber wenn von Italien die Rede ist, dem Land mit Europas bester Küche, darf der Hinweis auf eine alte Weisheit erlaubt sein: Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wurde.

Doch davon will so eine Talkshow im Fernsehen nichts wissen. Das demonstrierte Maybrit Illners jüngste Sendung. Denn den Versuchen von Redaktion (mit Einspielern) und Moderatorin (mit Einwürfen) zum Trotz wollten sich ihre Gäste nicht anstecken lassen vom im Sendetitel suggerierten düsteren Szenario: „Italiens Crashkurs – Europas neue Krise?“

Nun wissen die Verantwortlichen für diese Sendung ja, wen sie einladen, und man könnte vermuten, durch die Auswahl ihrer Gäste wollten sie die im Motto anklingende Hysterie argumentativ widerlegen lassen. Aber diesmal blieb da Skepsis. Etwa wenn Maybrit Illner in typisch deutscher Arroganz irgendwann einwarf, dass bei einer Steuerreform „manche Italiener vielleicht das erste Mal“ Steuern zahlten, oder die differenzierenden und deshalb nicht knackig-kurzen Ausführungen von ihrem Gast Ulrike Guérot abwürgte.

Die Professorin für Europapolitik und Demokratieforschung versuchte zunächst einmal mit dem Klischee aufzuräumen, die „Fünf Sterne“-Bewegung sei populistisch. Die habe durchaus vernünftige Forderungen. Die Sorgen der Bevölkerung zwischen Mailand und Messina um ein sozial gerechtes Land verstand auch Finanzminister Olaf Scholz, während Paul Ziemiak, Chef der Jungen Union, den Italienern „helfen“ wollte (aber natürlich nicht so weit, dass er für gemeinschaftliche Einlagensicherung oder eine Transferunion sei).

Doch der Blick von oben auf die da unten war rasch erledigt, auch Ziemiak sah „keinen Grund zur Panik“, und Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“, warnte zu Recht vor deutscher Herablassung. Ulrike Guérot präzisierte: Es gehe den Italienern um die öffentlichen Güter wie etwa Wasserversorgung. Es gehe nicht darum „zu helfen“: Deutschland sei gut darin, andere ihrer Verfehlungen zu bezichtigen, um die eigenen nicht zu sehen, das sei der „Weiße Elefant“ auf dem Tisch. Wir seien diejenigen, die in der Eurozone „den anderen mit Stöckelschuhen auf dem Fuß herumstehen“. Denn schon 1994 hätten bei der Vorbereitung des Euro in einem Papier Schäuble und Lammers  festgehalten, dass perspektivisch eine sozial-fiskalische  Union nötig sei. Das habe man aber nicht gemacht.

Dass Illner den Hinweis auf 1994 mit einem doppelten „Uh“ quittierte, war ein schönes Beispiel dafür, dass Talkshows eines nicht sein dürfen: differenzierte Darlegungen eines Sachverhalts, bei denen auch historische Entwicklungen zur Sprache kommen. Wie angemessen dergleichen aber wäre, machte Sebastian Dullien deutlich, Professor für Allgemeine Volkswirtschaftslehre. Er räumte den Panikmachern die Argumente vom Tisch mit dem Hinweis darauf, dass sich Italien früher schon mal in weitaus schwierigerer Lage befunden habe. So sei die Staatsverschuldung von 130 Prozent nicht so dramatisch, die Belastung durch Zinsen schon mal bei zehn statt wie jetzt bei drei Prozent gewesen, und die auch stets angeführten faulen Kredite der Banken von 250 Milliarden Euro hätten schon mal bei 350 Milliarden gelegen. Dullien sprach sich für eine europäische Versicherung der Staaten bei finanziellen Schieflagen aus. Denn es könne auch mal Deutschland treffen, etwa wenn die Autoindustrie in die Krise gerate.

Solches Denken kommt bei Bernd Lucke nicht an, einst Gründer der AfD und seit 2014 Abgeordneter des Europäischen Parlaments für die Liberal-Konservative Reformer (LKR). Er wirkte wie ein Steckenpferd-Reiter, wenn er seine Forderung nach Austritt Italiens aus dem Euro wiederholte und vor einer möglichen „Erpressung“ Deutschlands durch Rom warnte. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Italien

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