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„Ich liebe euch!“, Arte Der Mann und die Frau seines Lebens

Wie komplex darf moderne Liebe sein? In einer dreiteiligen Arte-Miniserie „Ich liebe euch!“ wird selbst das moderne Patchwork nochmal erweitert.

22.03.2018 20:41
Daniel Bickermann
Ich liebe euch!
Jérémie (Olivier Barthélémy, li.) und Louise (Julia Faure, re.) wissen nichts von Hectors (François Vincentelli, Mi.) Spielen. Foto: arte

Um es vorweg zu nehmen: Der reine Plot dieser zweieinhalbstündigen Miniserie könnte sich altbacken, ja sogar unvorteilhaft anhören. Da ist also Hector, ein Mann mittleren Alters, erfolgreich als Arzt und attraktiv auf eine sanfte Art und Weise, wie es nur die Franzosen sein können. Er lebt seit fünf Jahren in einer glücklichen Beziehung, aber als er seine Jugendliebe nach 20 Jahren wiedertrifft, beginnt er ein Doppelleben, weil er beide liebt, sich partout nicht entscheiden kann und niemandem wehtun möchte. So weit, so unsympathisch und privilegiert.

Die Komplikation und der Reiz dieser Geschichte ist einerseits die Geschlechterkonstellation: Die glückliche Beziehung ist ein Mann, die Jugendliebe eine Frau. Dazu kommt eine lesbische Mitbewohnerin, die sich von dem schwulen Paar hat schwängern lassen – und die Jugendliebe wird auch bald schwanger. Wir fassen also zusammen: Hector wird Doppelvater von zwei verschiedenen Frauen, lebt aber eigentlich in einer schwulen Beziehung. Schon schwindelig?

Tiefer eingetaucht in 150 Minuten 

Der zweite Vorteil ist die Form: Man kommt nicht umhin, sich die grottige Schenkelklopfer-Komödie vorzustellen, die das deutsche Fernsehen aus diesem Stoff gemacht hätte. Und das hat nicht nur mit dem hierzulande immer noch vorherrschenden Holzhammerhumor zu tun, sondern auch mit der Zeit: Auf 90 Minuten spielt man so eine Geschichte hektisch herunter, mit schnell identifizierbare Schießbudenfiguren, leicht zu kapierenden Gender-Klischees und einer lapidaren Pointe als Abschluss. „Ich liebe euch“ hat auf 150 Minuten den Luxus und den Zwang, tiefer einzutauchen.

Und so passiert, was wir an französischen Liebesfilmen so lieben: Die Figuren werden echte Menschen. Haben echte Konversationen. Die Situation mag haarsträubend absurd sei, aber das ändert nichts daran, dass die Figuren irgendwie damit umgehen müssen. Nach 90 Minuten gibt es hier keine billige Pointe und eine Scheinlösung, die alle glücklich lachen lässt. Nach 90 Minuten gibt es hier die Explosion aller Lügen, die alle Figuren mit einem Scherbenhaufen zurücklässt – und mit weiteren 45 Minuten, in denen sie irgendwie damit umgehen müssen. Dass sich in diesem Moment nochmal neue und überraschende Konstellationen in diesem Geflecht bilden, zeigt, dass sich ein Weiterdenken mit mehr Laufzeit durchaus lohnt.

Und so wird aus einem eigentlich recht formelhaft angelegten Film erst eine charmante und erfrischend andere Dramödie – und schließlich sogar so etwas wie ein genuiner Avantgarde-Film. Denn gerade in dem kulturellen Moment, wo die Liberalisierung der Liebe in bürgerlicher Homo-Ehe und drolligem Patchwork zu versumpfen droht und dort den gleichen Mief der Konventionen entwickelt, den man einst abschütteln wollte; just in diesem Moment feiert „Ich liebe euch“ die eigentliche Freiheit, für die die LGBTQ-Community immer gekämpft hat: Die Freiheit zur süßen Unsicherheit, zur Liebe als Tohuwabohu, zum romantischen Chaos. Und so lange es so französisch und die Menschen so charmant sind, leuchtet dieses Ideal hell und klar.    

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