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„Hitlers Hollywood“, arte Propaganda und Programmkino

Befreit aus dem Giftschrank: Rüdiger Suchsland unterzieht das Nazi-Kino einer gründlichen Analyse – und fördert viel Sehenswertes zutage.

Hitlers Hollywood
Irene von Meyendorff (re./li.), Paul Kemp (Mi. li.) und Oskar Sima (Mi. re.). Foto: zdf

Die Debatte um das Nazi-Filmerbe ist in den letzten Jahren neu entbrannt. Nachdem nun sogar „Mein Kampf“ legal zu erwerben ist, wurden Fragen laut, ob die bisherige „Giftschrank“-Methode der filmischen Vergangenheitsbewältigung wirklich noch zeitgemäß ist. Geht von den 70 Jahre alten Nazi-Streife tatsächlich noch eine Gefahr aus? Neue Restaurierungen von Filmen von Veit Harlan und Helmut Käutner stellen die Gegenfrage: Sind einige dieser Filme vielleicht von verkanntem Wert?

Nun hat sich Rüdiger Suchsland, einer der renommierteste deutschen Filmjournalisten, auf fast zwei Stunden der Herkules-Aufgabe gestellt, diesen Stall des Augias vielleicht nicht komplett auszumisten, aber zumindest erstmal zu sichten. Sein Vorgehen ist dabei an sein einziges vorheriges filmgeschichtliches Dokumentarfilmprojekt angelehnt: In „Von Caligari zu Hitler“ hatte er Siegfried Kracauers faszinierende These verfilmt, dass das Massenkino der Weimarer Republik ein „Unterbewußtsein“ hatte, dass den Aufstieg der Nazis bereits vorausdeutete. Nun geht es also psychoanalytisch an das Nazi-Kino: Was erzählen diese Filme, unter all ihrer Propaganda-Oberfläche, unbewusst über ihre Zeit? Und welche dieser Filme haben tatsächlich eine Rehabilitation verdient?

Glorifizierung von jeglichem Untergang

Die zweite Frage kann Suchsland deutlich besser beantworten als die erste. Als eloquenter Kritiker versteht er es, zusammen mit seiner Editorin Ursula Pürrer, so faszinierende Ausschnitte und Bilder zu präsentieren und diese so spannend zu kommentieren, dass man durchaus eine kuratierte Retrospektive mit Filmen wie „Paracelsus“, „Die vier Gesellen“, „Großstadtmelodie“ oder „Unter den Brücken“ anschauen würde. Insofern legt Suchsland tatsächlich Gewicht hinter sein anfängliches Statement: „Viele dieser Filme sind besser als ihr Ruf.“

Was hingegen die Frage nach der tiefenpsychologischen Analyse der streng zensierten und jederzeit überwachten Nazifilme angeht, so scheint deren Unterbewusstsein bei weitem nicht so reich auszufallen wie das der Filme aus der freien, wild assoziierenden und träumerischen Zwischenkriegszeit. Das wird niemanden überraschen, ebensowenig wie die spärlichen Subtext-Funde, die Suchsland dann doch aushebt: die ständige verkitschte Todessehnsucht, die Flucht in die Fantasie und die ständige Glorifizierung von jeglichem Untergang – sei es der des Einzelnen, der eines ganzen Volkes oder gerne auch der der „Titanic“.

Spannender sind die vielen Einsichten, die Suchsland quasi unterwegs einsammelt. Zum Beispiel, dass das Kino der Nazi-Ära dem Kino davor und danach gar nicht so unähnlich war. „Eine Stunde Null im deutschen Kino gab es nicht“, merkt Suchsland trocken an und verweist damit ebenso auf die ähnlich realitätsflüchtigen Unterhaltungsfilme der 50er Jahre wie auch auf die zahlreichen Karrieren, die weit über die NS-Zeit hinausreichten. Ingrid Bergman, Douglas Sirk, Gustav Gründgens, Helmut Käutner, Hans Albers, Heinz Rühmann – sie und viele mehr waren nach ihrer Karriere im Nationalsozialismus ohne Unterbrechung wichtige Stützen der Filmindustrie in Deutschland und Amerika. Sicher, der Verlust vieler deutscher Vorkriegstalente wie Marlene Dietrich, Ernst Lubitsch, Greta Garbo, Fritz Lang und unzähliger anderer Exilanten und Verfolgten ist und bleibt spürbar. Aber die Kontinuität vieler Karrieren vor, während und nach der Nazizeit ist doch erstaunlich.

Eine weitere Einsicht: Die Filmindustrie war nicht so vollständig gleichgeschaltet, wie man meint. Und vor allem: Es war nicht alles Kriegspropaganda und Revuefilm. Es gab durchaus faszinierende Versuche, Genres wie den Film Noir, das Wüstenabenteuer, die Screwball-Komödie oder den feministischen Film mit der herrschenden Ideologie unter einen Hut zu bringen. Und es war überraschend viel individueller Gestaltungswillen möglich, sei es von unpolitischen Melodramatikern wie Sierck (alias Sirk), von schizophren Gespaltenen wie Gründgens, von heimlich Aufbegehrenden wie Pabst und sogar von bald verbotenen Untergräbern wie Käutner. Selbst der Vorzeige-Nazi unter den Regisseuren, Veit Harlan, zeigte in seinen letzten Durchhaltefilmen „Opfergang“ und „Kolberg“ kuriose Eigenheiten, die der Regime-Propaganda nicht geschmeichelt haben können. Insofern braucht es vielleicht kein ganzes Buch über das Unterbewußtsein des Nazi-Kinos, aber diese zweistündige Zusammenfassung ist in jedem Fall sehr sehens- und diskutierenswert. Und der eine oder andere der behandelten Filme offensichtlich auch.  

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