Lade Inhalte...

„Hinter dem Altar“, Arte Das Kreuz mit der Verschwiegenheit

John Dickies Film über die eigenartige Haltung der Katholischen Kirche zum Thema Kindesmissbrauch.

Hinter dem Altar
Skandale in der katholischen Kirche haben das Vertrauen der Gläubigen schwer erschüttert. ?Hinter dem Altar? fragt nach den Gründen für die schleppende Aufarbeitung. Foto: ZDF/Filippo Genovese

Das Unrecht ist groß und wiegt schwer, wer wollte das bezweifeln. John Dickie, britischer Historiker und Journalist, jedenfalls nicht. Er tritt an, die Schwere und Größe des Unrechts, vielleicht sogar des Bösen schlechthin, das auch in der Katholischen Kirche wuchert, anzuprangern. Anprangern, das ist eine sehr alte und sehr legitime Art, mit Unrecht umzugehen: Man zerrt es aus seiner Verborgenheit, bemisst seinen Umfang, nennt, soweit möglich, die Verantwortlichen und veröffentlicht Namen und Gesichter.

Und dann?

Dann nehmen, eventuell nach einer Empörungspause, nach der vieles vergessen und manches in anderes Licht gerückt ist, die Dinge wieder ihren normalen Verlauf. Auch das ist oft großes Unrecht. Man kann dann von vorn anfangen und das Nichtstun der Verantwortlichen gleich mit anprangern.

Dass in der Katholischen Kirche Kindesmissbrauch stattfindet, ist nicht gerade etwas Neues. Viele Fälle sind öffentlich geworden, man hat längst nicht mehr den Eindruck, dass es sich da um Einzelfälle handelt. Die Ausnutzung von Autoritäts- und Abhängigkeits-Beziehungen, deren schwerkriminelle Spitze der bekannt werdende Kindesmissbrauch ist, scheint in der Katholischen Kirche eine erschreckend weit verbreitete Praxis zu sein und eine recht fest verwurzelte Tradition zu haben. Dazu gehört auch, dass Priester, die sich einschlägig schuldig gemacht haben, von der Kirche weder entscheidend gestört noch gar einer weltlichen Gerichtsbarkeit überlassen werden.

Zu dieser Tradition gehört weiterhin eine weiträumige Verschwiegenheit. Auf der Seite der Betroffenen und ihres sozialen Umfeldes ist sie von Scham, Autoritätshörigkeit oder heimlicher Nutznießerschaft motiviert, auf der Seite der Täter handelt es sich um eine unverschämte, institutionell abgesicherte Duldung und eine Verschwiegenheit, die der omertà in mafiosen Kreisen strukturell nicht unähnlich ist.

John Dickie nimmt kein Blatt vor den Mund. Er spricht mit Leuten, die wirklich etwas zum Thema zu sagen haben und die sich zum Teil intensiv und öffentlich engagieren; das sind Menschen, die zu den Opfern gehört haben und/oder für die Opferseite eintreten.

Aber John Dickie spricht kaum mit Menschen von der anderen Seite. Das liegt an der Verschwiegenheit der Täter und ihrer Institution. Er spricht immerhin über sie: über die Mitverantwortung in der Kirchen-Verwaltung, die Mitschuld der Bischöfe, die Untätigkeit der Päpste. Nicht einmal Franziskus kommt besonders gut weg dabei, der immerhin die bis dato deutlichsten Worte dazu gefunden hat, die je ein Kirchenoberhaupt öffentlich in dieser Angelegenheit geäußert hat, und eine Null-Toleranz-Haltung gegenüber der Pädophilie in der Kirche forderte.

Dass diesen Worten kaum Taten gefolgt sind, hat bestimmt Gründe, aber über die erfährt man nichts. Das nimmt einer Dokumentation ein wenig Brisanz: Wenn nur die eine Seite ihre Sicht der Dinge wiederfindet und die andere beharrlich schweigt und nichts beitragen mag. Ist es wirklich so, dass die Kirche ihre Priester nur ein wenig nachdrücklicher darauf hinweisen müsste, was sich im Umgang mit Abhängigen schickt und was nicht?

Öffentlichkeit und weltliche Gerichtsbarkeit scheinen keine Institutionen zu sein, denen zu stellen sich die Katholische Kirche verpflichtet sieht. Sie pflegt, aus Jahrtausende alter Gewohnheit, ihre eigenen Regeln und Gesetze.

Zunehmend ratlos schleicht Dickie durch seinen eigenen Film. Er rollt Fälle auf, lässt Menschen eindrucksvolle und deutliche Worte sagen. Rollt dann noch einen Fall auf und lässt noch jemanden deutliche Worte sagen. Und dann? Ein bisschen fühlt sich das so an, als würde der eigentlich mutig auftretende Filmemacher selbst vor Folgerungen aus der eigenen Arbeit zurückschrecken.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen