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„Herr Lenz reist in den Frühling“ Väter und Söhne

Das Erste zeigt „Herr Lenz reist in den Frühling“ mit Ulrich Tukur, ohne den der Film ein bisschen herkömmlich wäre.

Von seiner Reise gezeichnet: Das Leben von Holger (Ulrich Tukur) gerät aus der Bahn. Foto: ARD Degeto/Christoph Demel Oster

Wie im Ritterroman aus dem Artus-Umkreis ist es auch im Fernsehfilm um 20.15 Uhr fast zwingend, dass sich ein Mensch in Gang setzt. Klassischerweise spielt der Tod herein, er winkt oder ist bereits an anderer Stelle eingetreten. Nun gilt es, einen letzten Wunsch zu erfüllen oder ein Erbe anzutreten, hier: ein Erbe anzutreten.

Den Informationen eines windigen Gesellen zufolge handelt es sich um ein Appartement in Pattaya. Der windige Geselle hat die Asche des vor zwanzig Jahren aus dem Leben des Sohnes verschwundenen Herrn Vater soeben auf den braven Büroschreibtisch eines deutschen Versicherungsmitarbeiters gestellt. In einer thailändischen Putzmittelflasche diskret verpackt – der Zoll mag es zufrieden sein, die Sicherheitskontrolle am Flughafen wohl kaum, allerdings sind wir ja auch schon mitten in einem Märchen. Dem Versicherungsangestellten schwant aber nichts. Schon rät ihm seine Frau, rasch nach Thailand zu reisen. Schon landet die Asche versehentlich in der Waschmaschine. Schon ist der Mann unterwegs.

Es trifft sich gut, dass Ulrich Tukur diese Rolle übernommen hat. Denn ohne ihn wäre „Herr Lenz reist in den Frühling“ doch ein bisschen herkömmlich, obwohl Autor Karl-Heinz Käfer sich ein paar freche Sachen hat einfallen lassen. So lässt die Rotlichtgegend, in der Herr Lenz anlandet, bei Sextouristen keine Wünsche offen, und auch Herr Lenz verliert bald den Boden unter den Füßen. Die Landschaft ist schön, aber nicht so schön wie im ZDF. Die Thailänder sind nett, aber das tolle Essen, zu dem Herr Lenz unter gewissen außergewöhnlichen Umständen eingeladen wird, muss er schon selbst bezahlen (und zwar für alle).

Tukur macht, was er will

Zuhause ist seine Situation geradezu bizarr ungemütlich. Der smarte Kollege ist befördert und er selbst übergangen worden. Der impertinent pubertäre Sohn (Simon Jensen) blamiert ihn im Internet nach Kräften (um mitlesen zu können, braucht Herr Lenz immer wieder ein neues Passwort, das er auf der Straße kauft wie eine verbotene Substanz). Die Frau (Steffi Kühnert) ist unglücklich, aber auch irgendwie verdruckst. Bei der Gelegenheit fällt auf, dass Tukur sich eigentlich gar nicht auf die Rolle einlässt, die er den Konventionen folgend spielen müsste. Außerdem fällt auf, dass sich Käfer ebenfalls nur zum Teil darauf einlässt, wie die Handlung sich abspulen müsste.

Denn was genau ist nun das Problem? Herr Lenz wird von seinem impertinent pubertären – aber natürlich auch total sensiblen – Sohn für einen gewaltigen Spießer gehalten. Sieht man aber davon ab, dass im Hause Lenz das Trockenfutter für Hundi und das Morgenmüsli für Sohnemann aus der gleichen Sorte praktischer Frischhalteboxen gereicht wird – und die könnte auch Frau Lenz gekauft haben –, gibt es für das Spießertum des Vater jedoch wenig Ansätze. Er ist auch stark auf seine Alarmanlage fixiert, das das stimmt, hat seine Frau aber beim Pink-Floyd-Konzert 1990 auf dem Potsdamer Platz kennengelernt. Dagegen ist doch nichts einzuwenden. Sein eigener Vater war ein begeisterter SEDler und hat sich nach der Wende ins sozialistische Vietnam abgesetzt, zum Leidwesen des Sohnes. Der Enkel – offenbar ist die DDR inzwischen lange genug her – schwärmt wenig reflektiert vom unbekannten Opa. Wer aber ist nun der Spießer?

„Herr Lenz reist in den Frühling“ ist also nicht gerade eine psychologische Studie. Vieles bleibt erfrischend schnuppe oder rankt ins Satirische, bis die Handlung auf den letzten Metern einbiegt auf die Hauptstraße der sentimentalischen Tragikomödie.

Dass das noch auszuhalten ist, liegt allerdings dann ausschließlich an Ulrich Tukur, auf den „Herr Lenz reist in den Frühling“ zugeschnitten wurde. Während er sich als Schauspieler gemeinsam mit Regisseur Andreas Kleinert gutgelaunt von Szene zu Szene treiben, sich mit Wasser begießen und einseifen (eine thailändische Sitte anscheinend), mit Stofftieren bewerfen, hauen und tätowieren lässt, ohne sich im mindesten vorzunehmen, die Charakterstudie eines in der Krise befindlichen Lebensversicherungsangestellten zu zeichnen. Ein Fernsehabend für die Ferien, im Herbst muss wieder mehr her.

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