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"Heimat ist kein Ort", ARD Die Asche meines Vaters

Manche Filme werden genau zur richtigen Zeit ausgestrahlt. "Heimat ist kein Ort" berührt ein Thema von großer Relevanz - auch wenn der Film sich weder dramaturgisch noch stilistisch hervorhebt.

08.10.2015 08:20
Franziska Schuster
Ein Mann stirbt und knüpft den Antritt des Erbes in seinem letzten Willen an eine Bedingung: Seine Kinder und Enkel sollen seine Asche an den Orten seiner Kindheit im ehemaligen Ostpreußen verstreuen.

Ein Mann stirbt und knüpft den Antritt des Erbes in seinem letzten Willen an eine Bedingung: Seine  Kinder und Enkel sollen seine Asche an den Orten seiner Kindheit im ehemaligen Ostpreußen verstreuen. Warum diese Aufgabe für jedes einzelne Familienmitglied nahezu unerträglich ist, wird zwar schnell erklärt – nach sieben Filmminuten sind die zentralen Probleme aller Protagonisten etabliert – doch zeigt sich erst im Laufe der Reise die wahre Dimension dessen, was die erzwungene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wirklich bedeutet.

Es dauert eine Dreiviertelstunde, in der noch kein rechtes Leben in die Figuren und ihre Streitigkeiten kommt, in der die hergesagten Dialogsätze größtenteils Behauptungen bleiben, in der die Geschichte vorhersehbar und unkreativ heruntererzählt wird, aufgelockert durch ein paar hübsche visuelle Gags. Doch als die Reisegruppe am Bahnhof von Barczewo (ehem. Wartenburg) eintrifft, um einen Teil der Asche auf die Geleise zu streuen, beginnt die Stimme des toten Vaters aus dem Off von der Flucht aus Ostpreußen zu erzählen. Wir hören, wie die Mutter den Jungen durch das Fenster in den überfüllten Zug schob, weil sie dort Nachbarn entdeckt hatte. Mit einem kurzen Satz endet der Bericht: "Ich habe meine Mutter nie wiedergesehen."

Es sind solche kurzen Momente, einzelne Sätze, die immer wieder Momente der Fassungslosigkeit erzeugen, gerade weil der Film sie so unvermittelt einstreut und durch seinen sonst so harmlosen Tonfall keinerlei Pathos zulässt. Die Oberfläche täuscht – auch das völlig überflüssige, zehnminüte große Versöhnungsfinale kann nicht überdecken, dass dieser Film keine Komödie ist, sondern ein Klagelied über Verlust, Hilflosigkeit und die Schuld, den eigenen Schmerz der nachfolgenden Generation aufzubürden.

In der Filmerzählung hat der Vater nach dem frühen Tod seiner Frau die drei Kinder – der jüngste Sohn war gerade drei Jahre alt – ins Heim gegeben, aus der Unfähigkeit heraus, die eigene emotionale Erstarrung aufzubrechen und ihnen Liebe entgegenzubringen. Erst nach seinem Tod sieht er sich in der Lage, das Trauma seines Lebens zu offenbaren. Die Begegnung mit diesen unbekannten biografischen Aspekten mildert nicht die erlittenen Verletzungen der Kinder, aber sie liefert die Antwort auf die Frage, die sie ihr Leben lang gequält hat: "Warum hat Papa uns nicht abgeholt?" Es ist zugleich die erzwungene Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte in Gestalt des Vaters, die ein Gefühl dafür vermittelt, welches Leid diese Elterngeneration mit sich herumgetragen haben muss. 

Je stärker der Film seine tragische Seite nach außen kehrt, desto überzeugender verkörpern die Darsteller ihre verwundeten Figuren. Am Rande einer feuchtfröhlichen polnischen Hochzeit sind sie in einem Zustand derartiger Erschütterung, dass sie buchstäblich wackeln. In einer kathartischen Begegnung beleidigen sich Bruder und Schwester aus tiefster Seele und bringen doch nur Trauer zutage.

Am Kernpunkt der Reise treffen die Geschwister eine uralte Frau, die als Kind mit dem verstorbenen Vater befreundet war. Sie – in ihrer selbstbewussten Greisenhaftigkeit berührend verkörpert von der 90jährigen ?ucja Burzy?ska – ist die beeindruckendste Figur des Films, in deren Gegenwart die Kinder endlich ihre Trauer zulassen und dadurch wieder zueinander finden. Nach der Szene, an der alle gemeinsam den Rest der Asche auf das Grab der 1945 gestorbenen kleinen Schwester streuen, hätte der Film unbedingt enden sollen. Das wäre mutig gewesen, und ein Eingeständnis dessen, dass es keine Erlösung gibt: "Der Schmerz wird nicht kleiner, man gewöhnt sich nur daran."

Leider schwächt das sentimentale und durchschaubare Finale, in der jede Figur für das gute Gefühl der Zuschauer schnell noch errettet wird, die emotionale Tiefe wieder ab. Dennoch ist "Heimat ist kein Ort" ein wichtiger Film. Als Teil der ARD-Themenwoche "Heimat" trägt er zur Begriffsklärung bei: Heimat ist, wie der Titel es sehr treffend auf den Punkt bringt, kein realer Ort, sondern eine Projektion, ein abstrakter Begriff für eine unwiederbringliche Vergangenheit.

Der Film steht genug für sich selbst, um nicht mit dem Etikett einer politischen Aussage versehen werden zu müssen. Aber in einer Zeit, in der der Ausdruck "Flüchtling" zum entmenschlichten Synonym für eine diffuse Bedrohung wird, ist es tröstend, Geschichten erzählt zu bekommen, die an Empathiefähigkeit glauben.

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