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"Hart aber fair", ARD „Wir haben die Frauen nicht schützen können“

Es hätte eine reflektierte, tiefgründige Diskussion werden können – ein guter Anfang und eine interessante Gästeauswahl von Hannelore Kraft bis Heribert Prantl ließ hoffen. Doch dann förderte die Sendung zur Kölner Silvesternacht wieder nur altbekannte Parolen zutage.

Frank Plasberg ließ über "Die Schande von Köln" diskutieren. Foto: imago/Lumma Foto

Es ist nicht so, dass in der Welt nichts passiert wäre, seit der verhängnisvollen Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof. Aber natürlich hat es an diesem Abend kein anderes Thema geben können, als eben jenes. „Die Schande von Köln - was sind die Konsequenzen?“ fragte Frank Plasberg in seiner Talkshow „Hart aber fair“am Montag. Ja, was?

Angesichts der aufgeheizten Stimmung, die in den vergangenen Tagen in Politik und Gesellschaft herrschte, lag die Befürchtung nahe, dass auch die Gesprächsrunde zur Bühne für ein Feuerwerk populistischer Wortgefechte verkommen könnte. Es wäre schließlich nicht das erste Mal.

Tatsächlich vermied Frank Plasberg mit einer sorgfältigen Gästeauswahl das Schlimmste: NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder (CDU) und Renate Künast (Grüne) waren als Vertreter der Bundes- und Landespolitik ins Studio gebeten. Dazu kamen Journalist und Rechtsexperte Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“ und der Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt. Durch diese Redner schien nicht nur die Gefahr von öffentlicher Hetze gebannt – in den ersten Minuten stellte sich der Eindruck ein, dass die Sendung mit dem reißerischen Titel eine konstruktive Diskussion hervorbringen könnte.

Ein Opfer kommt zu Wort

Das lag auch daran, dass Plasberg so klug war, die erste Stimme des Abends einer Vertreterin der Gruppe zu geben, die in der emotional-aggressiven Grundhaltung der letzten Woche erschreckend unterrepräsentiert war: Der der Opfer. Eine junge Frau mit dem erfundenen Namen Anja Meier schildert ihre Erlebnisse aus der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof, spricht von der Angst und Hilflosigkeit, die sie und eine Freundin angesichts der grapschenden, pöbelnden Männermassen empfunden haben. Sehr vorsichtig kritisiert sie die Polizei („Es gab niemanden, den wir ansprechen konnten“) und wünscht sich fast bescheiden, man möge ihr und den anderen Frauen das Gefühl von Sicherheit zurückgeben. Ob sich ihre Einstellung gegenüber Migranten durch die Vorfälle in der Silvesternacht verändert habe, fragt Plasberg. „Absolut nicht“, ist die Antwort.

„Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, suchen den Schutz, den wir an Silvester am Hauptbahnhof nicht erfahren haben. Woher die Männer kamen, die uns bedrängt haben, spielt keine Rolle. Täter sind Täter.“ Ist das nun politisch korrekter Fernsehsprech? Falsch verstandene Rücksicht?

Sicher nicht. Denn: Im Gegensatz zu allen anderen Gästen im Studio – und überhaupt den meisten Menschen, die sich derzeit in die Debatte um Kriminalität und Zuwanderung stürzen – war diese Frau dabei, als sich „Die Schande von Köln“ vollzog, sie war mitten drin.  Warum, so muss man sich fragen, kann diese Frau, der man alle Wut und Frustration nur zu gern nachgesehen hätte, reflektierter über die Ereignisse reden, als die, denen vom Wähler der Auftrag zu öffentlicher Wortführung verliehen wurde?

„Erkennbar etwas schief gelaufen“

Nach der jungen Frau kommt dann nämlich doch die Politik zu Wort, in Person von Frau Kraft. „Es tut mir weh, was ich da gehört habe,“ sagt die Ministerpräsidentin auf ihre Vorrednerin Bezug nehmend. Sie könne sich als Frau in die Situation der Angst und Hilflosigkeit  hineinversetzen. Und: „Wir haben sie und die anderen Frauen nicht schützen können. Dafür würde ich mich gerne bei allen Frauen entschuldigen, aber ich weiß, es hilft ihnen nicht.“ Es ist ehrlich empfundene Betroffenheit, die aus diesen Worten spricht.

Nun sei Akribie bei der Aufklärung der Taten gefragt. Darin ist man sich in der Runde einig. Kraft: „In Köln ist erkennbar etwas schief gelaufen. Wir haben die Lage falsch eingeschätzt.“

Der auch bei den übrigen Gesprächsteilnehmern angenehm unaufgeregte Ton angesichts des heiklen Themas überlebt dann leider doch nur die ersten Minuten der Sendung. Das liegt nicht unwesentlich an Frank Plasberg, der zwar gut moderiert, aber auch ein wenig enttäuscht wirkt, dass nicht von Beginn an die Fetzen fliegen. Also hilft er nach, indem er sich redlich bemüht, die Diskussion in Richtung Flüchtlingskritik zu schieben. Den Hinweis von Renate Künast, was sich in Köln ereignet habe, sei ein Ausdruck einer gesamtdeutschen Ignoranz gegenüber sexualisierter Gewalt gegen Frauen, bügelt er ab. Das mag er jetzt nicht hören. Es geht ja um Flüchtlinge, nicht wahr? Schützenhilfe bekommt er von Kristina Schröder. Die ehemalige Familienministerin besteht darauf: Was sich in Köln abgespielt hat, ist ein muslimisches Problem. Importiert von den Zuwanderern. „So ein Ereignis gab es in dieser Brutalität vorher nicht in Deutschland.“ Das ist eine gewagte These angesichts der sexuellen Gewalttaten, die Frauen in Deutschland tagtäglich widerfahren.

In eine nahezu groteske Richtung driftet die Diskussion, als – nach einer halben stunde Sendezeit – Polizeigewerkschaftler Wendt zu Wort kommt. Aus ihm bricht die aufgestaute Frustration über die wieder und wieder an der Kölner Polizei geäußerte Kritik heraus. Seine Wut ist verständlich – trotzdem mutet arg seltsam an, was er zu Kriminalstatistiken und Polizeiberichten zu sagen hat. Da werde alles geschönt und in Politik-gefällige Richtungen verschoben, so Wendt. „Es wird ein Klima gezüchtet, indem man als Polizist lieber nichts sagt, als dass es etwas Falsches ist.“ Ist nun der gesamte deutsche Polizeiapparat korrupt? Und falls das so ist – warum braucht es dann eine „Hart aber fair“-Sendung, damit der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft den Mund aufmacht? Immerhin habe sich seit Köln etwas getan, sagt Wendt. Kristina Schröder erweist sich auch hier als stützende Flanke: „Ich habe das gute Gefühl, dass seit den Kölner Ereignissen etwas aufgebrochen ist“, sagt sie. Und man fragt sich ernsthaft, was es bloß sein soll, was Frau Schröder angesichts der Kölner Ereignisse ein „gutes Gefühl“ gibt.

Ein ekliger Plasberg-Moment

Und dann gibt es noch einen ekligen Plasberg-Moment, nämlich, als der stolz einen Facebook-Eintrag präsentiert, in dem ein Deutsch-Türke seine muslimischen „Brüder“ auf rassistische Weise in ihre Schranken weist – unter anderem, in dem er ihnen erklärt, dass deutsche Frauen nun mal gerne Miniröcke trügen und Alkohol tränken. Was aber der dumme Moslem bitte nicht als Einladung zum Grapschen verstehen möge. Damit hat die Sendung ihren Tiefpunkt erreicht.

Leider hat der große Intellektuelle der „Süddeutschen“ nur wenige starke Momente an diesem Abend – was auch daran liegt, dass sich die Talkrunde zu vorgerückter Stunde immer weniger um juristische Fakten schert. Zu sehr sind alle Beteiligten in die alten Dispute um Flüchtlingsobergrenzen und Einwanderungskontrolle verstrickt.  Dass Heribert Prantl anmahnt, man möge auch an die Würde der Flüchtlinge denken, verhallt da weitgehend ungehört. Genau wie der mutige und reflektierte Auftritt von Anja Meier, der jungen Frau vom Anfang der Sendung, der nach 75 Minuten längst vergessen ist.

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