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„Härter, reicher, besser“ im ZDF Wo Arbeit alles ist

Das ZDF stimmt mit zwei Beiträgen auf das Land ein, das die Winterspiele ausrichtet: Südkorea.

07.02.2018 13:13
Südkorea
Besonders die junge Generation in Südkorea versucht, Tradition mit Moderne zu verbinden. Foto: ZDF/Aline Hoorpah

Es war eines der ärmsten Länder der Welt, gebeutelt von Kriegen und  geknechtet von Besatzungsmächten, aber heute, im 70. Jahr seines Bestehens, ist Südkorea die Nummer elf in der globalen Wirtschaftskonkurrenz. Hoch über den Straßen der Hauptstadt Seoul leuchten an den Bürotürmen die Firmenlogos von Samsung und LG, zwei der weltweit führenden Elektronikkonzerne. Drunten hasten die Bewohner des 25-Millonen-Molochs am Han-Fluss ameisengleich zur Arbeit, von früh bis spät – sehr spät.

Das ZDF stimmt mit zwei Beiträgen auf das Land ein, das die Olympischen Winterspiele ausrichtet, die am Wochenende beginnen: Südkorea. Thomas Reichart zeichnet ein eher persönliches Porträt der Bewohner der Halbinsel im ostchinesischen Meer. „Härter, reicher, besser, Südkorea!“ heißt sein Film, und der erste Wort im Titel kennzeichnet vielleicht die aktuelle Mentalität einer Nation am besten, die zu den „Tiger-Staaten“ Asiens zählt.

Auf die Disziplin, die Jung und Alt zwischen Seoul im Norden und Busan im Süden kennzeichnet, hebt auch Barbara Necek ab: „Erfolg um jeden Preis“ betitelt sie ihr Feature. Sie berichtet, wie das Prinzip Leistung schon den Jüngsten eingetrichtert wird. Nach der Schule ist vor der Schule, und in manchen Mietshäusern gibt es spezielle Kabinette, wo die Pennäler spät nachts noch über ihren Hausaufgaben brüten können. Die Folge: Sie schlafen im Unterricht ein und bekommen Abzüge von ihrem Punktekonto – eingeführt nach Abschaffung der Prügelstrafe vor gerade mal vier Jahren...

Barbara Necek hebt eher die Schattenseiten des neuen koreanischen Wohlstands hervor; so berichtet sie von der höchsten Selbstmordrate der Welt, 40 Menschen bringen sich pro Tag um in Seoul, wo man schon eine Brigade eingerichtet hat, die auf den Brücken über den Fluss Han patroulliert, um Lebensmüde vom Sprung abzuhalten.

 Wer es nicht schafft, eine bürgerliche Existenz aufzubauen oder  sein Auskommen bis zum Lebensabend  zu sichern, der wünscht sich dann mitunter den Tod, wie die 80-Jährige, die sich als Papiersammlerin durchschlägt. Denn diese schöne neue Welt hat kaum Platz für die Abgehängten, die in der Öffentlichkeit bei der Armenspeisung mit dem Gesicht zur Wand ihr Essen einnehmen, weil sie sich schämen.

Um solchen Absturz zu verhindern, greifen die Menschen immer häufiger zu Mitteln, die manch wohlbehüteten Mitteleuropäer schaudern lassen. Schönheitschirurgen zum Beispiel erleben einen Boom. Kecek trifft einen jungen Grafiker, der, seit Monaten ohne Job, sich zu einer operativen Vergrößerung seiner Augen entschließt, weil er glaubt, sein Aussehen genüge potentiellen Arbeitgebern nicht. Da ist Aldous Huxleys Dystopie nicht mehr so weit.

Auch Thomas Reichart schildert den gnadenlosen Konkurrenzkampf. So gesteht ihm eine junge Frau: „In Korea denken wir immer, dass wir besser sein müssen als die anderen.“ Das gilt für die Arbeit wie für die Freizeit, wo sie nach einem erfolglosen Wettangeln als Verliererin bei fünf Grad minus in ein Wasserbecken springen muss, um wenigstens dort eine Forelle zu fangen. Und ein Achtjähriger muss nach dem Willen seiner „Tiger-Mutter“ nicht nur einen Kurs beim Seilspringen belegen, sondern auch noch Mathe, Klavier und Malen – und Programmieren sowieso, denn die digitale Welt sei die Zukunft, rattert er herunter, als sei’s eine Schlafschulweisheit.

Reichart strukturiert seinen Bericht nach dem Tagesablauf, setzt sich nach dem Presenter-Prinzip häufig ins Bild, um Nähe zu seinen Protagonisten zu demonstrieren. Von der stürmischen nächtlichen Fahrt mit einem Krabbenfischer über die Vorbereitung einer Trommlerin auf eine Prüfung bis zu einem aus Nordkoraea Entflohenen reicht seine  Erzählung. 

Reichart ist wärmer im Ton und weniger distanziert, vor allem aber mehr um Verständnis bemüht als Kecek und optimistischer im Grundton. So kann die Musikerin am Ende ihren Förderpreis entgegen nehmen – ein weitere Erfolgsgeschichte. Vielleicht darf deshalb sein Film im ZDF-Hauptprogramm laufen, während Keceks kritischere Reportage auf ZDF info verbannt wurde. Doch beiden Filmen ist gemeinsam, dass sie uns eine Gesellschaft zeigen, die bei allem ökonomischen Erfolg von ihren Bürgern eine bisweilen gnadenlos anmutende Disziplin und Verausgabung verlangt. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Südkorea
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