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„Generation Beat Club“ Aufbauhelfer einer Bewegung

„Generation Beat Club“ blickt zurück auf das erste Jugendprogramm im deutschen Fernsehen vor 50 Jahren - das damals zu heftigen Reaktionen führte.

Der Kölner Musiker Wolfgang Niedecken. Foto: Radio Bremen

„Generation Beat Club“ blickt zurück auf das erste Jugendprogramm im deutschen Fernsehen vor 50 Jahren - das damals zu heftigen Reaktionen führte.

Samstags gehörte der Fernseher den Eltern. Nachmittags durfte Mami den „Blauen Bock“ mit Otto Höpfner schauen, abends um sechs Papi die Sportschau. Und dann, eines Tages im Jahre 1965, kündigte der junge Wilhelm Wieben „eine Sendung von jungen Leuten für junge Leute“ an – nicht ohne gleich die Erwachsenen um Nachsicht zu bitten, wenn ihnen das Folgende nicht zusage. Es sagte ihnen nicht zu. Die Reaktionen des „Mannes auf der Straße“ zeugten noch vom Faschismus in den Köpfen.  Ein HörZu-Leser geißelte die „obszönen Bewegungen“ dreier Sangesbrüder namens The Walker Brothers, ein Vater wollte seine Tochter „lahm schlagen“, wenn er sie mit einem dieser Langhaarigen erwischte, und ein Gitarrist mit wirrer Frisur und dunkler Hautfarbe, der mit den Zähnen sein Instrument bearbeitete (und zu dessen Erneuerer werden sollte), wurde in einer Zuschrift als „Affe“ bezeichnet.

Was da Mitte der sechziger Jahre in deutsche Wohnzimmer strahlte, war für diejenigen, die unter Hitler und im Krieg ihre Adoleszenz erleben mussten, eine Provokation. Doch war diese Sendung natürlich von Erwachsenen erdacht worden, von Michael „Mike“ Leckebusch, Redakteur  bei Radio Bremen, dem kleinsten Sender der Republik, und Diskjockey Gerd Augustin. Sie hatten die Nase im Wind, der aus Westen kam, und gaben ihrer  Schöpfung – unerhört – einen englischen Titel: „Beat Club“.

Von nun an gehörte der Fernseher samstags auch uns. Wir hatten bis dahin die Songs der Beatles, Yardbirds und Kinks nur gehört,  bei Radio Luxembourg und seinem lustigen „Emperor Rosko“ oder bei José Arturs „Pop Club“ auf France Inter. Nun konnten wir unsere Helden auch live sehen. Und verliebten uns in „Jools“ Julie Driscoll mit ihrer Wahnsinns-Stimme und der Jean-Seberg-Frisur, lernten die drei Akkorde von „Wild Thing“ auf der Klampfe von Framus.

Kurzweiliges Porträt

Es ist hinreichend über die Bedeutung der Musik für den Aufbruch der Jugend in den Sechzigern geschrieben worden, aber die Rolle, die der Beat Club dabei für die deutschen Teenager spielte, ist vielleicht doch noch etwas unterbelichtet. Das versuchen Michael Meert und Carl-Ludwig Rettinger in ihrem Dokumentarfilm „Generation Beat Club“ zu ändern. Sie haben sich dazu Zeitzeugen wie „BAP“- Chef Wolfgang Niedecken, Kino-Experte Alfred Holighaus und Christian Kunert von der ostdeutschen Klaus-Renft-Combo geholt, die von der Erschütterung erzählen, die durch die Sendung und ihre Musik ausgelöst wurde. Dazu blenden die Autoren immer wieder Auftritte der Bands im Beat Club oder bei britischen Konzerten ein, etwa The Who mit „My Generation“, das in schönster Kakophonie endet. So gelingt ein kurzweiliges Porträt, das allerdings vor allem Nostalgiker bedienen dürfte.

Doch wird die Bedeutung des Beat Club erkennbar – auch für das Medium selbst. Das Fernsehen war ja eben erst dabei, auch in Deutschland zum Massenmedium zu werden, umso größer war der Einfluss auf das junge Publikum.  Und Moderatorin Uschi Nerke nahm kein Blatt vor den Mund, zitierte aus den bösartigen Briefen an den Sender und versicherte lächelnd, man werde bei der fortschrittlichen Linie bleiben.

Das galt nicht nur für die Musik. Das Fernsehen selbst erfuhr durch Regisseur Leckebusch eine Frischzellenkur. Die Auftritte der Gruppen, anfangs noch mit Playback, wurden nicht einfach abgefilmt. Mehrere Kameras waren Standard, das Spiel mit Überlagerungen, dem Rhythmus der Musik angepassten Schnitten, mit abenteuerlicher Nutzung des Zoom wurden bald zur Norm. Ich erinnere mich, den Bildsalat beim Knast-Song „We Love You“ von den Stones nur noch verwirrend gefunden zu haben. Geradezu psychedelische Effekte waberten dann nach Einführung des Farbfernsehens 1967 über den Bildschirm: Pop & Rock wie auf Drogen.

Dazu kam die musikalische Radikalisierung der Macher. Sie entfernten sich mit der Zeit vom Hitparaden-Kanon, brachten Avantgarde-Gruppen wie Soft Machine, Yes oder Frank Zappa mit Stücken, die bisweilen gut zehn Minuten dauerten, was die eingefuchsten Zuschauer begeisterte – die Masse aber nicht. Mit der Hinwendung zum „Progressive Rock“ verlor der Beat Club Publikum. Nach sieben Jahren kam das Aus. Zu Anfang der politisch wildbewegten siebziger Jahre  mit RAF und Radikalenerlass war die Sendung den Verantwortlichen wohl auch zu brisant geworden.  Michael Leckebusch machte weiter, mit dem braven „Musikladen“. Aber der „Beat Club“, das erste Jugendprogramm im deutschen Fernsehen, hatte seine Rolle erfüllt als Aufbauhelfer der 68er-Bewegung.

P.S. Eine Band trat übrigens nie im Bremer TV-Studio auf: The Beatles.

„Generation Beat Club“, ARD, Montag, 20.September, 23.30 Uhr. Im Netz: ARD Mediathek.

 

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