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„Geheimwaffe Jazz“, Arte „Cool War“ im Kalten Krieg

Hugo Berkeleys Dokumentarfilm zeigt, dass die Botschaft des Jazz nicht identisch war mit den propagandistischen Absichten der Regierungen.

„Geheimwaffe Jazz“
Louis Armstrong (m.) 1956 auf der Bühne in Accra, damals Goldküste, vor geschätzten 100.000 Menschen Foto: © Louis Armstrong House Museum

Eine Waffe? Nun, zumindest eine zweischneidige. Denn der Jazz ließ sich nicht an die kurze Leinen legen. Das war aber genau die Absicht der US-amerikanischen Regierungen während der Jahrzehnte des Kalten Krieges. Der Kalte Krieg war immer auch ein Propaganda-Krieg, in dem es unter anderem um die größtmögliche Verächtlichmachung des Gegners ging, damit dessen internationaler Einfluss leichter im Zaum zu halten sei.

Da sah die amerikanische Propaganda die Chance des Jazz: Er sollte international Zeugnis ablegen von den vorbildlich liberalen und egalitären Verhältnissen in den USA. Er sollte beweisen, dass die sowjetische Propaganda, die den virulenten amerikanischen Rassismus anprangerte, unzutreffende Behauptungen in die Welt setze. Also schickte die Regierung Musiker wie Louis Armstrong, Dizzy Gillespie, Benny Goodman, Duke Ellington oder Dave Brubeck mit ihren Bands, in denen schwarze und weiße Musiker spielten, in alle Welt.

Dort lösten sie eine internationale Begeisterung für diese Musik aus. Ganz Afrika zum Beispiel kannte und liebte Louis Armstrong. Während seiner Tournee im gerade postkolonial gewordenen Kongo 1960/61 wurden Gegner der Bürgerkriegsparteien gemeinsam zum begeisterten Konzertpublikum: Satchmo hatte die Macht, den Krieg für einen Moment anzuhalten. Leider ging er gleich nach der Tournee weiter, und dass die CIA bei der Ermordung Patrice Lumumbas eine wichtige Rolle spielte, dementierte die Botschaft der Musik wirksam.

Auch gab es das Problem, dass die Realitäten in den USA während dieser Zeit zutiefst rassistisch waren. Bands mit schwarzen und weißen Musikern waren in vielen ihrer Staaten schlicht illegal. Lynchmorde an Schwarzen wurden trotz erwiesener Schuld von Gerichten mit Freisprüchen geahndet. Regierungsmitglieder und Politiker hassten den Jazz und fanden seine öffentliche Begünstigung durch staatliche Tourneefinanzierung skandalös.

Die meisten der schwarzen Musiker aber waren aufrechte und politisch intelligente Menschen, die sich der propagandistischen Vereinnahmung zu entziehen vermochten und sich nicht verbieten ließen, die Wahrheit zu sagen. So ging eine kulturelle und politische Botschaft des Jazz um die Welt, die nicht identisch war mit den propagandistischen Absichten der Regierungen.

Auf der anderen Seite des Kalten Krieges, der sowjetischen, lagen die Dinge übrigens nicht besser. Hugo Berkeley weist darauf hin in einer filmischen Erzählung über die Russland-Tournee Benny Goodmans, bei der man offiziellerseits durchaus beunruhigt war über die weltbildverändernde Wirkung des Jazz und diese nach Kräften einzudämmen versuchte.

„Geheimwaffe Jazz“ zeigt also, was alles passieren kann, wenn eine Geheimwaffe sich selbständig macht. Der Film zeigt auch eindrucksvoll, in welch erstaunlichem Maße die amerikanischen Jazzmusiker sich ihrer Rolle bewusst waren und wie eindrucksvoll und politisch markant sie sie zu interpretieren vermochten. Das Image der US-amerikanischen Kulturpolitik allerdings verbessert dieser Film nicht.

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