Lade Inhalte...

„Gefangen - Der Fall K.“ (Arte) Der Moralist als Störenfried

Diesem Arte-Spielfilm ist schwer zu glauben. Und doch bewegen sich die Autoren bestürzend nah an der Realität.

„Gefangen - Der Fall K.“
Elke (Julia Koschitz) und Sebastian Wastl Kronach (Jan Josef Liefers) als glückliches Ehepaar in einer Szene des Films „Gefangen - Der Fall K.“ Foto: dpa

Ein Tor, wer auf die Wahrheit baut

Wastl Kronach ist, und so wurde auch Gustl Mollath verschiedentlich beschrieben, kein einfacher Zeitgenosse. Sein Credo: „Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass die Welt nur gerechter werden kann, wenn man sich einmischt. Und wenn man für seine Überzeugungen eintritt. Das beginnt vor der eigenen Haustür.“ Idealist oder Querulant? Ein einfältiger Tor? Jedenfalls dahingehend naiv, dass er, unverbrüchlich auf die Wahrheit vertrauend, auf anwaltlichen Beistand verzichtet und sich vor Gericht selbst vertritt. Ungeschickt, undiplomatisch. Er macht es der Gegenpartei leicht, ihn als Sonderling abzustempeln. Und nachdem er einmal ins System staatlich betreuter Anstalten für psychisch Kranke geraten ist, gibt es für jemanden wie ihn kaum noch eine Chance, der Zwangseinweisung wieder zu entkommen.

Der „Fall K.“ – K. wie in manchen Geschichten Kafkas? – ließe sich bei aller persönlichen Tragik als skurriles Einzelschicksal abtun, gäbe es nicht auch die Affäre um jene hessischen Finanzbeamten – dort ging es ebenfalls um systematische Steuerhinterziehung –, denen in gekauften Gutachten wahrheitswidrig schwere psychische Schäden unterstellt wurden.

Wenn man diesem – dank der intelligenten Kameraführung des Hollywood-erfahrenen Bildgestalters Christian Rein stark über die visuelle Ebene erzählten – Film inhaltlich eines ankreiden kann, dann dass die Autoren die Verantwortung für den Skandal um Kronach einem kleinen Klüngel bajuwarischer „Amigos“ zuschreiben und damit die Allgemeingültigkeit, die ihrer Fabel innewohnt, vernachlässigen. Denn verwandte Mechanismen wirken überall, wo Schikane und Verleumdung Raum finden, weil andere in Sorge um ihre Bequemlichkeit und die persönliche Wohllebe die Augen niederschlagen. Wenn ein Mensch, der so felsenfest an Aufrichtigkeit und Wahrheit glaubt wie dieser Kronach, deshalb von seiner Umwelt als schrullig und störrisch wahrgenommen wird, ist eigentlich ein Anlass gegeben, die Frage nach dem Verhältnis dieser Gesellschaft zu ihren moralischen Werten zu erörtern.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen