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"Geduld, Geduld - Du kommst ins Paradies!" Das Leben in die eigene Hand nehmen

Vier marokkanische Frauen aus dem Brüsseler Vorort Molenbeek beschließen, sich ein Stückchen Paradies ins Hier und Jetzt zu holen. Der Film "Geduld, Geduld - Du kommst ins Paradies!" ist keine Dokumentation, sondern ein Märchenfilm.

12.08.2016 07:46
Irit Neidhardt
Eine Gruppe maghrebinischer Migrantenfrauen der ersten Generation verlässt zum ersten Mal seit 40 Jahren Molenbeek im Großraum Brüssel und erkundet gemeinsam Land und Natur. Foto: ARTE/RTBF

Nicht überall, wo Dokumentation drauf steht, ist auch eine Dokumentation drin. Im Falle von Hadja Lahbib’s „Geduld, Geduld - Du kommst ins Paradies!“ zum Beispiel, ist es ein Märchenfilm: Vier marokkanische Frauen, um die 60 Jahre alt, aus dem Brüsseler Vorort Molenbeek beschließen, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Sie haben ihr Hausfrauendasein satt und sind die ewigen Vertröstungen auf eine bessere Zukunft Leid. Sie wollen sich ein Stückchen Paradies ins Hier und Jetzt holen. Dafür schreiben sie sich als Erstes bei einem Alphabetisierungskurs ein. Dann unternehmen sie Ausflüge aufs Land, besichtigen ein Opernhaus, treffen in Ostende den belgischen Chansonnier und Rocksänger Arno zum Mittagessen und reisen gemeinsam mit ihrer gleichaltrigen Freundin, der Pariser Slammerin Tata Milouda, nach New York.

Das Geld für die Reise organisieren sie durch ein Benefizkonzert für sich selbst. Dafür tritt Tata Milouda in einem Gemeindezentrum in Molenbeek auf. Am Einlass findet sich eine Sammelbüchse auf der mit den neu erworbenen Schreibkenntnissen steht, dass man hier Geld für die Reise nach New York einwerfen soll. Im Big Apple angekommen verschaffen sich die Damen erstmal einen Überblick aus dem Hubschrauber heraus. Ansonsten sind sie mit der U-Bahn unterwegs, was sie in Brüssel noch überfordert hatte. Im Sitzungsraum des UN-Sicherheitsrats werden sie zu einem Plausch über internationale Politik empfangen. Das alles mutet an wie Aschenputtel in Echt.

„Geduld, Geduld - Du kommst ins Paradies!“ ist eine Produktion des belgischen öffentlich-rechtlichen Senders RTBF. Die Regisseurin Hadja Lahbib ist eine prominente Nachrichtensprecherin des Kanals. Ebenfalls an der Produktion beteiligt ist Arte Belgique, wo Lahbib Kultursendungen moderiert. 2007 begann sie zudem Dokumentarfilme zu machen.

Tata Milouda stammt aus Settat in Marokko. Sie hat nie eine Schule besucht und wurde früh verheiratet. Im Alter von 39 Jahren, ging sie ohne Mann und Kinder nach Paris, wo sie zunächst ohne Papiere lebte und sich als Haushälterin verdingte. Sie belegte in den 1990er Jahren einen Alphabetisierungskurs und entdeckte den Slam für sich. Seither tritt die achtfache Großmutter in Kulturhäusern und auch mal im Fernsehen auf, wo sie über ihr Leben und für die Freiheit slammt. 2012 wurde sie, mittlerweile französische Staatsbürgerin, dafür von Kulturminister Frédéric Mitterand mit dem Ordre des Arts et des Lettres ausgezeichnet.

Die Arbeit an „Geduld, Geduld - Du kommst ins Paradies!“ begann Lahbib 2011. Im Interview mit dem belgischen Kinomagazin Cinergie.be erzählt sie, sie habe zunächst nur eine der Frauen, Mina, gekannt. Die pendelte zwischen Marokko, wo das Grab ihres Mannes ist, und Belgien, wo ihre Kinder leben. Tata Milouda war bereits eine der Protagonistinnen in Lahbibs vorherigem Film „La Liberté, ma mère“, in dem sie sich mit dem schattenhaften Dasein der aus Marokko nachgezogenen Frauen der Gastarbeiter befasst. Die Idee für die neue Regiearbeit sei gewesen, eine Situation herzustellen, in der die Frauen ihre Träume leben und sich emanzipieren könnten. Die Darstellerinnen hat Lahbib im Frauenzentrum „Dar al Amal“ (Haus der Hoffnung) in Molenbeek gesucht und gefunden. Im Film fungiert Tata Milouda als ihr Rollenmodell.

Der Haken an der Sache ist, dass das Problem dieser marokkanischen Frauen in Belgien ein politisches ist. Ihr Bleiben war weder vorgesehen noch gewollt. Die Lösung, die „Geduld, Geduld - Du kommst ins Paradies!“ inszeniert ist eine individuelle. Das bessere Leben, das die Frauen bei den Dreharbeiten vorgesetzt bekommen ist ein europäisch bürgerliches in dem ihre Realität keinen Platz hat und ihre Erfahrungen der jahrzehntelangen systematischen Marginalisierung ignoriert werden.

Nicht zufällig fährt die Gruppe nach New York. Visuell spielt die Freiheitsstatue eine wichtige Rolle im Film. Beispielsweise, wenn Tata Milouda bei der nächtlichen Schifffahrt um das Symbol hingebungsvoll für die Freiheit slammt. Hier wird das Märchen zur Lüge: eine Reise, wie sie der Film dokumentiert, werden sich die Frauen ohne TV-Kameras nicht leisten, Mittagessen mit Rockstars nicht verabreden können. Vielleicht wollen sie das auch gar nicht. Eine grundsätzliche Verbesserung ihrer sozio-ökonomischen Lage kann nur politisch erwirkt werden. Ihnen und dem Fernsehpublikum zu suggerieren, es liege an den Frauen selbst, ein würdigeres Leben zu führen heißt, die Gesellschaft, für deren Wohlstand sich die marokkanischen Gastarbeiter krank geschuftet haben, aus der Verantwortung zu entlassen.

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