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„Fremdkörper“, ZDF Organhandel thematisiert

Das Kleine Fernsehspiel hat es mal wieder geschafft: Der preisgekrönte 60minüter „Fremdkörper“ nähert sich nicht nur seinem Thema Organhandel subtil und originell, sondern unterstreicht erneut den Ruf des Fomats als Talentschmiede.

22.06.2015 14:25
DJ Frederiksson
Irina (Janina Elkin, rechts) konfrontiert Wolfgang (Thorsten Merten, links) mit ihrer Operationswunde. Foto: ZDF/Kamuran Erkaçmaz

Das Kleine Fernsehspiel, die einst legendäre Talentschmiede des ZDF, hat in den vergangenen Jahren einen kuriosen, aber faszinierenden Weg eingeschlagen. Es wurde vom zunehmenden Geldmittel- und Bedeutungsverlust ebenso getroffen wie alle deutschen Fiction-Abteilungen, und der nächtliche Sendeplatz hilft selten dabei, die manchmal faszinierenden Entdeckungen auch unter die Leute zu bringen.

Doch anstatt sich in die „same same, but cheaper“-Ecke zu verkriechen, geht das Format zunehmend in die Offensive. Man nutzt den Mangel für billige, schnell produzierte 60minüter, die mit ihrer schmutzigen, spontanen Energie tatsächlich einen jugendlichen Gegenpol zum verknöcherten Restprogramm für das durchschnittlich 61 Jahre alte ZDF-Stammpublikum abstecken.

Wenige Figuren, wenige Schauplätze, wenig Budget und ein aktueller, kontroverser Themenbezug sind die Herausforderungen, denen sich die jungen Filmemacher stellen müssen. Dafür bietet sich hier eine Freiheit zur stilistischen und inhaltlichen Radikalität, wie man sie im deutschen Fernsehen sonst nirgends mehr findet: Im besten Sinne schamlose Genrefilme wie der Amoklauf-Thriller „In der Unterzahl“, der 60 Minuten in Echtzeit in einem Auto spielt, oder der legendäre deutsche Zombie-Reißer „Rammbock“ sind nur die Aushängeschilder dieses spannenden Experiments.

In diese Aufzählung darf man nun getrost auch „Fremdkörper“ mit aufnehmen, auch wenn diese filmische Auseinandersetzung mit dem internationalen Organhandel alles andere als stilistisch rabiat geraten ist. Im Gegenteil liegt der Triumph von Christian Werners preisgekröntem Film darin, das reißerische Thema eben nicht in einen Blut- und Ballerkrimi zu verwandeln, sondern in ein subtiles Charakterdrama um eingebildete Schuld und echte Sühne.

Auch Werner und sein Team kämpfen merklich mit den ungewöhnlichen Vorgaben von Format und Thema: mit nur zwei Figuren innerhalb von 24 Stunden ein international verflochtenes Problemfeld darstellen? Und dann auch noch in nur 60 Minuten? Und vor allem am Anfang gibt es durchaus erzählerisch plumpe Momente, in denen man daran zweifelt, ob das gelingen kann.

Doch sehr schnell gerät man tatsächlich in den Sog dieser vielschichtigen Erzählung. Zu faszinierend ist die Geschichte um den deutschen Spediteur Wolfgang, der nach einer illegalen Nieren-Transplantation von seiner vermeintlichen Spenderin nach Istanbul gerufen wird – per Erpresserbrief. Die Ukrainerin Irina, die ihre Tochter in die türkischen Metropole nachholen möchte, wurde von den Organhändlern nicht bezahlt und will nun das Geld von ihm. Was folgt, ist dann allerdings weniger ein Thriller um Geld oder Leben, sondern ein gemeinsames Erkunden von Fragen nach Verantwortung, Solidarität und dem Wert eines Menschen.

Zwei Aspekte retten „Fremdkörper“ davor, unter der thematischen Last im Bosporus abzusaufen. Zum einen sind da die beiden Darsteller Thorsten Merten und Janina Elkin, die selbst erzählerische Verschnaufpausen oder inszenatorische Unsicherheiten mit ihrer überwältigenden Intensität wettmachen. Sie können gegen jede Erwartung sogar einen Hauch schroffe Romantik in diesen nüchternen Problemfilm zaubern.

Zum anderen setzen Regisseur Christian Werner und sein Co-Autor Sebastian Heeg auf eine mutige Strategie des totale Realismus. Die führt dann dazu, dass dieser streckenweise viersprachige Film um einen Deutschen und eine Ukrainerin in der Türkei fast durchgehend mit Untertiteln arbeiten muss – aber genau diese vermeintliche Schwäche verhilft dem Film zu einigen seiner stärksten Szenen. Denn die hilflosen Figuren müssen nicht nur mit ihren komplexen Gefühlen, sondern eben auch mit einer schwierigen Kommunikationslage kämpfen, und gegenseitiges Verständnis über alle Kulturgrenzen hinweg ist ein zentraler Themenpunkt, der hier eindrucksvoll behandelt wird.

 „Fremdkörper“ bleibt ambivalent bis zuletzt. Der Film schwankt immer wieder zwischen Hoffnungslosigkeit und Momenten echter Annäherung und lässt am Ende geschickt offen, ob die Wandlung des reichen westlichen Organkäufers zum mitfühlenden Menschen nicht vielleicht alles nur noch schlimmer gemacht hat. Es ist ein stiller, großer Moment, und ein weiteres Aushängeschild für ein Format, das sich gegen alle Widrigkeiten schon wieder als Nachwuchsschmiede des deutschen Films bestätigt hat.

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