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„Frankfurt, Dezember ’17“, ARD Leben und Sterben auf der Straße

Im Ansatz interessantes, in der Umsetzung aber verunglücktes Drama über ein Ereignis, das das Leben von drei Frauen verändert.

Frankfurt, Dezember 17
Sam (Ada Philine Stappenbeck) und ein junger Obdachloser (Juri Padel). Foto: HR/Bettina Müller

Zu Zeiten des Stummfilms war es nicht ungewöhnlich, dass Schauspieler in die Kamera schauen, um einen emotionalen Effekt zu erzielen. In den nächsten hundert Jahren wurde jedoch nur noch in Ausnahmefällen auf dieses Stilmittel zurückgegriffen, weshalb es fast als Sensation galt, als sich Francis Underwood in der Serie „House of Cards“ direkt ans Publikum wandte. Womöglich hatte Petra K. Wagner diesen verblüffenden Effekt im Sinn, als sie die Gestaltung ihres Films mit dem Titel „Frankfurt, Dezember ’17“ konzipierte. Auch ihre weiblichen Hauptfiguren sprechen regelmäßig in die Kamera, um ihre Befindlichkeiten zu beschreiben. Leider verpufft der Effekt völlig, zumal die Frauen nichts zu erzählen haben, was die Filmhandlung nicht schon vermittelt hätte.

Künstliche Monologe

Der erzählerische Ansatz ist immerhin interessant: Wenige Tage vor Weihnachten sieht eine Krankenschwester Irina (Lana Cooper), wie drei Jugendliche am Frankfurter Mainufer auf einen Obdachlosen einprügeln. Sie will eingreifen oder zumindest die Polizei rufen, doch ihr Begleiter verhindert das: Irina hat ein Verhältnis mit dem Arzt Carl (Barnaby Metschurat). Die beiden haben nach der Weihnachtsfeier in unmittelbarer Nähe des Vorfalls eine Autonummer geschoben, aber Carl ist verheiratet, will seine Ehe nicht wegen eines Obdachlosen riskieren und natürlich auch keine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung. Später informiert Irina die Polizei anonym. Während der Mann auf ihrer Station im Koma liegt, taucht er plötzlich putzmunter wieder auf, denn die zweite Handlungsebene erzählt die Ereignisse aus Sicht der jungen Streunerin Sam (Ada Philine Stappenbeck). Der Obdachlose heißt Lennard (Christoph Luser) und hat sich im Rohbau eines Bürogebäudes eingerichtet. Als er sieht, wie sich ein paar Penner über Sam hermachen wollen, rettet er die junge Frau und nimmt sie unter seine Fittiche. Nur durch Zufall findet sie einige Tage später heraus, was ihm widerfahren ist. Nun wechselt Wagner (Buch und Regie) erneut die Perspektive: Dritte Protagonistin ist Anne (Katja Flint), die Mutter jenes Jugendlichen, der den nächtlichen Streit mit Lennard angezettelt hat und am vehementesten auf den Mann eingedroschen hat. Anne versteht nicht, warum ihr 17jähriger Sohn so etwas tun konnte und ist im Gegensatz zu ihrem Mann (Anian Zollner) der Meinung, dass er die Verantwortung für seine Untat übernehmen sollte. Auch Flint muss in die Kamera reden, was genauso künstlich klingt wie die inneren Monologe von Ada Philine Stappenbeck, die sich sehr aufgesagt anhören.  

„Frankfurt, Dezember ’17“ ist eine Produktion des Hessischen Rundfunks, dessen Fernsehfilmredaktion innerhalb der ARD einen speziellen Ruf genießt; die Beiträge für den Sendeplatz am Mittwoch fallen mitunter derart aus dem Rahmen, dass ihnen die Ausstrahlung um 20.15 Uhr auch schon mal verwehrt wird („Goster“, 2017). Petra K. Wagner arbeitet regelmäßig für den HR. Abgesehen von dem enttäuschenden übersinnlichen Drama „Lisas Fluch“ (2011) waren diese Filme– der rätselhafte romantische Thriller „Sprinter“ (2012), das vorzüglich gespielte Ehedrama „Nie mehr wie immer“ (2014), die Mutter-Blues-Geschichte „Viel zu nah“ (2017) – stets sehenswert. Die jüngste Zusammenarbeit von Sender und Regisseurin funktioniert jedoch schon deshalb nicht, weil keine der drei Protagonistinnen zur Identifikation einlädt; diese Distanz wird auch durch die Zwiesprache mit dem Publikum nicht abgebaut. Gerade bei Sam wirkt das Stilmittel zudem effekthascherisch: Nach dem poetisch anmutenden Vorspann, als die Kamera eine zwischen den Bürogebäuden fliegende Plastiktüte verfolgt, zeigt der Film die junge Frau beim „Containern“. Nach geglückter Flucht vor den Supermarktmitarbeitern stopft sie sich heißhungrig Kirschen in den Mund, stockt kurz, schaut in die Kamera und isst weiter. Der tiefere Sinn dieses Moments erschließt sich allerdings nicht, es sei denn, er soll die Zuschauer auf die späteren Aufsager vorbereiten.

Eine andere ungewöhnliche Bildgestaltungsidee erscheint sinnvoller: Als Sam durch die Straßen geht, sorgt Kameramann Johannes Monteux mehrfach für Schärfentiefe, sodass die junge Frau im Vordergrund unscharf wird; eine gelungene Illustrierung ihres Ansinnens, sich „unsichtbar“ zu machen. Unnötig verschachtelt ist dagegen die Montage der verschiedenen Sequenzen, zumal sich die Zeitsprünge nicht auf Anhieb erschließen; Christoph Luser ist schlicht nicht gesichtsbekannt genug, um in dem Mann, der Sam vor den Pennern rettet, den Obdachlosen wiederzuerkennen, der im Zwielicht zusammengeschlagen worden ist. Später wird sich der im Koma liegende Lennard sagen, er hätte den Jungs einfach aus dem Weg gehen sollen; unmittelbar drauf wird er verprügelt, anschließend stirbt er. Diese Form der Dramaturgie ist natürlich eine künstlerische Entscheidung, ebenso wie die sparsame Musik (Helmut Zerlett), die ohnehin eher Geräuschcharakter hat. Ein peinlicher Fauxpas ist allerdings ein Dialogsatz Metschurats: Carl rät der schuldbewussten Irina, zu einem Psychologen zu gehen, „die haben Pillen für so was“; dabei weiß er als Arzt natürlich, dass Psychopharmaka nur vom Psychiater verschrieben werden dürfen. Nicht nur deshalb ist der Film immer dann am besten, wenn er ohne Worte auskommt, etwa, wenn Anne potenzielle Mieter durch das Gebäude führt und Sams Versteck entdeckt, die junge Frau aber nicht verrät. Der Rohbau ist ohnehin ein ausgesprochen reizvoller Schauplatz, aber davon abgesehen ist „Frankfurt, Dezember ’17“ ein freudloser Film, der nicht vermittelt, warum man ihm neunzig Minuten opfern sollte, die sich zudem wie zwei Stunden anfühlen.

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