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„Familie Lotzmann auf den Barrikaden“, ARD Enfant terrible oder Enfant prodige

Axel Ranisch hemmungslos alberne Chaos-Komödie wird mit großer Verspätung im Nachtprogramm versendet – ein Zeichen der Mutlosigkeit.

Familie Lotzmann auf den Barrikaden
An nur einem Nachmittag hat es Hubert Lotzmann (Jörg Gudzuhn) geschafft, seine Tochter Bille (Eva Löbau, re.) an die Polizei zu verraten, den 70. Geburtstag seiner Frau Annemarie (Gisela Schneeberger, 2. v. re.) zu vergessen, zu dem sie auch ihre Schwestern Ingeborg (Sigrid Schnegelsiepen-Sengül, Mitte) und Margot (Gudrun Ritter) eingeladen hat. Foto: (ARD Degeto/Programmplanung und P)

Ach, wenn das deutsche Fernsehen doch nur wüsste, was es mit Axel Ranisch anfangen soll. Da hat der deutsche Film endlich mal wieder ein Vorzeigetalent identifiziert, einen grundsympathischen jungen Mann, dessen Kurzfilme bereits mit wild-skurrilen Inszenierungsideen von sich reden machten; dessen improvisierte No-Budget-Kinofilme wie „Dicke Mädchen“ und „Alki Alki“ absoluten Kultstatus genießen; und der vor allem etwas ganz Seltenes vorweisen kann: Eine eigene (und eigenwillige) Handschrift. 

Der erste Impuls des deutsche Fernsehens ist, so einen zu vereinnahmen. Und man hat ihn gleich ganz oben rangelassen: Zwei „Tatorte“ durfte Ranisch inszenieren, in völliger Freiheit, mit seiner üblichen anarchischen Improvisation. Die beiden Ergebnisse „Waldlust“ und vor allem „Babbeldasch“ kamen so katastrophal an, dass als direkte Reaktion von der ARD angekündigt wurde, keine „experimentellen“ Sonntagskrimis mehr zu produzieren. „Familie Lotzmann auf den Barrikaden“ war noch vor diesen beiden „Tatorten“ entstanden und hatte vor genau zwei Jahren Festivalpremiere. Es ist ein Zeichen, wie die ARD jetzt mit diesem Film umspringt.

„Familie Lotzmann auf den Barrikaden“ ist Ranischs erster Film, bei dem sich die Schreibarbeit von Ranischs Kollaborateur Sönke Andresen weniger nach Impro-Vorlage und mehr nach einem echten Drehbuch anfühlt. Von Sujet und Struktur her wirkt der Film geradezu traditionell, er zeichnet das äußerlich selbstzufriedene, aber innerlich kreischende Spießbürgertum so unsubtil-satirisch, dass man sich an Zeiten von „Loriot“ und „Ein Herz und eine Seele“ erinnert fühlt. Auch auf den Mundart-Theaterbühnen hätte man sich manche Portionen dieses Films vorstellen können. Und doch hat die ARD die „Familie Lotzmann“ nicht nur zwei Jahre lang im Giftschrank aufbewahrt, nun versendet sie die Chaoskomödie auch noch sang- und klanglos im Nachtprogramm. Anscheinend hat man nicht nur in der „Tatort“-Redaktion die letzte Hoffnung auf eine Erneuerung durch Experimente aufgegeben.

Das heißt nicht, dass dieser nett kleine Ausflug in den Familie-Slapstick ein verkanntes Meisterwerk ist, das dem deutschen Fernsehen den Weg in die Zukunft weisen könnte. „Familie Lotzmann“ ist ein im beste Sinne belangloser Quatsch-Film voller trotteliger Figuren, absurder Zufälle und herrlich zitierbarer One-Liner. Die Geschichte des tattrigen Rentners, der den Geburtstag seiner Frau vergisst, den Wellensittich mit dem Staubsauger einsaugt, die Tochter an die Polizei ausliefert, in eine linksradikale Geiselnahme gerät und den ganze Schlamassel pünktlich zum Abendessen wieder aufgelöst haben muss, ist schamlose Unterhaltung der besten Art. 

Und das macht ausgerechnet diesen kleinen Film, der doch eigentlich gar nicht auffallen möchte, schließlich doch noch zu einem Symbol von etwas Größerem, genau wie Axel Ranischs Fernsehkarriere ein Symbol für etwas Größeres ist: Fernseh-Experimente müssen nicht perfekt sein, sie haben oft Ecken und Kanten, und sie dürfen manchmal skurril und absurd ausfallen; aber richtig gescheitert sind sie erst, wenn die ARD beschließt, kein Vertrauen mehr in Filme zu haben, die auch mal was anderes ausprobieren. Und dann steht die Zukunft des deutsche Films tatsächlich ein bisschen in den Sternen. 

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