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„Falk“, ARD Der Anwalt mit den bunten Socken

Mit leichtgewichtigen Unterhaltungsserien verzeichnet das Erste dienstags regelmäßig Quotenerfolge. Zu den Nonnen und Ärzten gesellt sich mit „Falk“ ein weiterer Fernseh-Advokat - einer mit Spleens.

Szene aus „Falk“
Falk passt so gar nicht in die gediegenen Räume der renommierten Düsseldorfer Anwaltskanzlei „Offergeld & Partner“. Foto: ARD/Jens van Zoest,

Die neue Dienstagsserie im Ersten macht einen baff. Es wäre vermessen, auf dem Sendeplatz unmittelbar nach der „Tagesschau“ eine Avantgardeproduktion zu erwarten. In der Programmwirklichkeit klaffen die Ansprüche der Bildungselite und die der Zerstreuung suchenden Zuschauer merklich auseinander. Aber die altbackene Machart von „Falk“ kommt denn doch unerwartet angesichts des Umstands, dass die Diskussion um Qualitätsmaßstäbe und neue Erzählformen im Bereich der TV-Serienproduktion längst auch innerhalb der ARD geführt wird. Mit immerhin einigen positiven Auswirkungen.

„Falk“ fällt ins Genre der Anwaltsserie. Da muss man nicht mal in die USA oder nach Großbritannien schauen, um vorzügliche Exemplare dieser Spielart heranzuziehen, es genügt der Blick in die Archivtruhen der ARD – irgendwo dort schlummert noch Jurek Beckers „Liebling Kreuzberg“. Ein ewiger Beweis, dass auch in Deutschland gute Serien produziert wurden. „Falk“ ist leider weit davon entfernt.

Schon die Auftaktsequenz lässt die behäbige Machart erkennen. Die Kamera erfasst ausführlich die Accessoires eines Angehörigen der besser gestellten Berufe: Manschettenknöpfe, Taschenuhr, Goldring. Dann aber: kunterbunte Socken unter viel zu kurzen Hosen. Gleich in diesen ersten Sekunden schreit alles „Exzentriker!!“. Dann müht sich der Sonderling, das Zahlenschloss seines Aktenkoffers zu öffnen, hat die Zahlenkombination vergessen, schafft es am Ende doch, sorgt sich aber wegen dieser Gedächtnispanne und rennt besorgt in die Praxis seiner Ärztin. So wie er es jeden Morgen tut. Der Mann hat eine gewaltige Macke.

Reizwäsche als Politikum

Nach einem Nervenzusammenbruch hatte er den Anwaltsberuf aufgegeben, ein Restaurant eröffnet und es zielsicher in die Pleite geführt. Er hätte es gern zurück – der Hebel für seinen früheren Arbeitgeber Offergeld (Peter Prager), Falk in seine Dienste zurückzulotsen. Was in der Kanzlei für Konfliktstoff sorgt, denn die wird mittlerweile von Offergelds Tochter Sophie (Mira Bartuschek) geleitet. Nur zu verständlich, wenn sie mit dem zwar scharfsinnigen, aber unberechenbaren Falk nicht zusammenwirken möchte.

Man kann ihr nur Recht geben. Drehbuchautor Peter Güde, der die Auftaktfolge auf Basis einer Idee von Stefan Cantz und Jan Hinter verfasste, liefert keine plausible Erklärung, warum Offergeld senior den geschäftsschädigenden Falk um jeden Preis wieder in Dienst stellen möchte. Der will ja eigentlich auch gar nicht. Er hasst Mandanten, und er hasst Juristen. Allein die Aussicht, sein Restaurant zurückzuerlangen, bringt ihn dazu, sich wieder vor Gericht zu begeben.

Ein schräger Anwalt bekommt selbstredend schräge Fälle zugemessen. In Folge 1 wird der nordrhein-westfälische Ministerpräsident (Arved Birnbaum) dabei ertappt, dass er unterm Geschäftsanzug gern Frauenunterwäsche trägt. Er wird erpresst, Falk soll die Affäre bereinigen. Verrückt und verrückt gesellt sich gern.

Natürlich stimmt hier rein gar nichts. Weder die Schilderung juristischer Tätigkeit noch die Beschreibung der politischen Sphäre, die Charaktere nicht, nicht einmal die Nebenfiguren. Einzig Sophies aufsässige Tochter Marie, gespielt von der ausnehmend talentierten Sinje Irslinger, lässt aufmerken. Eine dieser Figur gewidmete Serie hätte etwas werden können; sie wird aber in die Nebenlinie verbannt.

Der Geringste unter den Gestörten

Die von den Hauptdarstellern stets überbetont, mit lehrstückhaftem Nachdruck servierten Dialoge sind ein Graus, der Witz kommt gequält daher. Sagt der Ministerpräsident empört: „Jemand will mir an die Wäsche.“ - Kalau lässt grüßen. Falks ehemaliges Restaurant heißt „Das Lokal“, seine Assistentin (Alessija Lause), man mag es gar nicht glauben, „Trulla“.

Der Protagonist Falk fällt ins mittlerweile etablierte Rollenfach des sozial beeinträchtigten beruflichen Hochkaräters, auf der Subtextebene ein Beitrag zu den Selbstwertproblemen des modernen westlichen Mannes. In der Sparte gibt es nicht nur „Dr. House“, im gleichen zeitlichen Rahmen betraten in der britischen wie der US-amerikanischen Serienproduktion mehrere Vertreter dieser Spezies die öffentliche Bühne. Dr. Michael Holt in „A Gifted Man“ und der brillante Neurologe Daniel Pierce in „Perception“ beispielsweise waren dermaßen neben der Spur, dass sie Gespräche mit ihren verstorbenen Ehefrauen führten. Allen voraus ging schon 2004 Dr. Martin Ellingham in „Doc Martin“. Sat.1 Gold wiederholt die britische Serie derzeit freitags im Abendprogramm. „Doc Martin“ – die Serie läuft noch immer und wird auch in den USA gezeigt, in Deutschland gab es 2007 ein kurzlebiges Remake mit Axel Milberg – ist wie „Falk“ ‚nur‘ eine Unterhaltungsserie, ohne die schwerer wiegenden psychischen Verwerfungen eines „Dr. House“. Und doch um so vieles nuancierter angelegt als „Falk“, indem Hauptdarsteller Martin Clunes in der dezent modellierten Komik auch den Schmerz entdeckt, der sich mit dem Außenseitertum seiner Figur verbindet.

Demgegenüber liefert „Falk“-Hauptdarsteller Fritz Karl nicht mehr als eine Routineübung, ohne erkennbare Unterscheidung beispielsweise zu seinem „Inspector Jury“, den er für das ZDF verkörpert. Hier zeigt sich, auch seitens der Regie, keine Ambition, die Abgründe der Titelfigur intensiver auszuloten.

Sträflich simpel ist das Frauenbild dieser Serie. Kanzleichefin Sophie Offergeld ist eine von Männern gegängelte Kreatur, nicht durchsetzungsfähig, überfordert, immer an der Grenze zur Hysterie. Leise seufzend denkt man an „Edel & Starck“ und „Danni Lowinski“ – bass erstaunt darüber, dass die deutsche Serienproduktion so weit hinter einmal Erreichtes zurückfallen konnte.

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