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„Fake Science - Die Lügenmacher“, ARD Das Blaue vom Himmel

Zwei Reportagen belegen, wie leicht sich der größte Blödsinn als seriöse Wissenschaft verkaufen lässt.

Vor zwei Jahren, im Juli 2016, ist die TV-Moderatorin Miriam Pielhau gestorben; sie ist gerade mal 41 Jahre alt geworden. Über ihre Krankheit hat sie zwei Bücher geschrieben. Das erste heißt „Fremdkörper“ (2011) und schildert das Leben mit dem Krebs, das zweite, wenige Monate vor ihrem Tod erschienen, trägt den schönen Titel „Dr. Hoffnung. Die Geschichte eines echten Wunders“. Doch die Hoffnung war trügerisch: Das Wundermittel, auf das Pielhau gesetzt hatte, entpuppte sich als wirkungslos.

Die verstorbene Moderatorin ist gewissermaßen die stumme Kronzeugin in dieser Reportage: Svea Eckert und Peter Hornung (NDR) belegen, wie einfach es heutzutage ist, das Blaue vom Himmel herunterzulügen und Betrug als seriöse Forschung zu deklarieren. Sie haben die Probe aufs Exempel gemacht und eine „Studie“ verfasst, die inhaltlich purer Nonsens ist, aber lauter Fachausdrücke enthält. Dieses Werk haben sie dann einem Verlag angeboten, der solche Einreichungen angeblich von Experten aus dem jeweiligen Fachgebiet prüfen lässt („peer review“).

Das „Quatschpapier“ hat die vermeintliche Prüfung anstandslos überstanden; die beiden durften die Ergebnisse der Studie sogar im Rahmen eines pompös „Weltakademie der Wissenschaft“ genannten Kongresses der Öffentlichkeit präsentieren. Sie hatten zwar nur ein Dutzend Zuhörer, aber fortan konnte sich ihr Machwerk mit gleich zwei seriös klingenden Prädikaten schmücken; dabei ist alles Humbug.

Das klingt wie ein Schildbürgerstreich, den Menschen außerhalb der akademischen Zirkel belustigt zur Kenntnis nehmen und anschließend wieder vergessen könnten, aber nun kommt das Schicksal von Miriam Pielhau ins Spiel: weil die Moderatorin exakt solchen Prädikaten vertraut hat. Das NDR-Duo hat die Studie, die angeblich die Wirkung des teuren Krebsmittels belegt, einer Onkologin vorgelegt; der Ärztin genügt ein kurzer Blick, um erhebliche wissenschaftliche Mängel zu erkennen. Das Mittel ist hierzulande auch gar nicht als Medikament zugelassen.

So clever es ist, die verstorbene TV-Kollegin als emotionalen Anker zu nutzen: Diese Ebene ist gleichzeitig auch die einzige Schwäche der Reportage. Dass Pielhaus beste vom letzten gemeinsamen Urlaub erzählt, soll ebenso wie die privaten Smartphone-Videos ein emotionales Andocken ermöglichen; aber dass Eckert auch noch mit aufgesetzter Trauermiene das Grab der Moderatorin aufsucht, ist eindeutig zuviel des Guten. Gegengewicht zu diesen Szenen ist die fröhliche Fälschung, die sich die beiden Autoren ausdenken. Als Heimatadresse ihrer fiktiven Universität geben sie Himmelpforten an, eine niedersächsische Gemeinde, in der gegen Ende jedes Jahres Briefe an den Weihnachtsmann eintreffen. Als Eckert und Hornung im Hotelzimmer ihren Auftritt bei dem Londoner Kongress proben, müssen sie mittendrin losprusten; nicht nur aus diesem Grund ist ihre Reportage ein gutes Beispiel dafür, wie sich ein im Grunde trockenes und zudem nur schwer zu bebilderndes Thema kurzweilig verpacken lässt.

Der Hintergrund ist allerdings alles andere als komisch, denn die Recherche des Duos hat ergeben, dass bei diesen durch und durch unseriösen Verlagen auch Mitarbeiter angesehener deutscher Institutionen ihre Ergebnisse veröffentlichen; deren Renommee färbt somit positiv auf die „Fake Science“. Die falschen „Forschungsergebnisse“ wiederum beeinflussen längst auch die Politik, wie die Autoren am Beispiel des von der AfD geleugneten Klimawandels belegen.

Natürlich haben Hornung und Eckert, die die Ergebnisse der gemeinsamen Recherche im Stil einer „Presenter“-Reportage vorstellt, auch diverse Interviews mit echten Wissenschaftlern geführt. Trotzdem ist ihr Film keine der üblichen Aneinanderreihung redender Köpfe, deren Ausführungen irgendwie notdürftig illustriert worden sind; so sorgen zum Beispiel regelmäßige grafische Zwischenspiele für Abwechslung. Zu den Gesprächspartnern gehört unter anderem Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane-Zentrums der Universität Freiburg.

Der Experte für evidenzbasierte Medizin ist mit einem weiteren Fall konfrontiert worden, der ihn erschüttert hat: Peter Onneken ist für seinen Film „Betrug statt Spitzenforschung - Wenn Wissenschaftler schummeln“ exakt dem gleichen Thema nachgegangen und hat den erfolgreichen „Fake“-Versuch seiner NDR-Kollegen sogar noch übertroffen.

Während sich Eckert und Hornung bei ihrer Präsentation relativ sicher fühlen konnten, weil ohnehin keiner der wenigen Anwesenden etwas von ihrem Thema verstand, gab sich WDR-Reporter Onneken bei einem Frankfurter Kongress als Forschungsdirektor eines deutschen „Institute of Diet and Health“ aus und präsentierte eine vermeintlich bahnbrechende Entdeckung: Chia-Samen schützt vor Brustkrebs. Der WDR zeigt Onnekens stilistisch ganz ähnlich konzipierten Film morgen Abend um 21 Uhr in seinem dritten Programm. Auch wenn sich die beiden Reportagen gut ergänzen: Würden die ARD-Sender besser miteinander kommunizieren, hätte man sich eine der beiden Sendungen sparen können.

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