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"Entscheidung bei Kunduz" Mysteriöse Taskforce

Eine Arte/NDR-Produktion rekonstruiert den bisher folgenschwersten Vorfall in der Geschichte der Bundeswehr: Bei dem Abwurf von Bomben auf einen gestohlenen Tanklaster bei Kunduz wurden wohl mehr als 100 Menschen getötet.

Neben den Taliban saßen einhundert Zivilisten im Kunduzfluss fest. Foto: Arte/NDR/Cinecentrum

Eine Arte/NDR-Produktion rekonstruiert den bisher folgenschwersten Vorfall in der Geschichte der Bundeswehr: Bei dem Abwurf von Bomben auf einen gestohlenen Tanklaster bei Kunduz wurden wohl mehr als 100 Menschen getötet.

In der wohl eindringlichsten Szene dieses bemerkenswerten Fernsehfilms sitzt Matthias Brandt alias Bundeswehr-Oberst Georg Klein in seiner grauen Uniformjacke nüchtern an einem Tisch und sagt: „Nicht, dass meine Gedanken nicht bei den getöteten Menschen gewesen wären. Aber sie waren auch bei meinen verwundeten Soldaten.“ Beide Sätze spricht Brandt nahezu emotionslos, fast mechanisch. Selbst als Klein längst klar gewesen ist, dass wohl mehr als 100 Menschen auf seinen Befehl hin auf einer Sandbank im Kunduz-Fluss getötet worden sind, bringt er es nicht über sich, das Leid dieser Menschen anzuerkennen. Auch im Tod bleiben diese Menschen für ihn abstrakt. Diese Aussage hat sich kein Drehbuch-Schreiber ausgedacht. Oberst Georg Klein hat sich selbst genauso so geäußert – vor einem Untersuchungsausschuss.

In der Nacht zum 4. September 2009 ereignete sich der bislang folgenschwerste Vorfall in der Geschichte der Bundeswehr. Wohl mehr als 100 Menschen wurden getötet, als Klein zwei 500-Pfund-Bomben auf eine Flussbiegung abwerfen ließ, in der sich zwei gestohlene Tanklaster mit 58000 Liter Treibstoff an Bord festgefahren hatten.

Seither versuchten mehrere Kommissionen, ein Bundestags-Untersuchungsausschuss und die Bundesanwaltschaft aufzuklären, was in dieser Nacht im Gefechtsstand des Feldlagers Kunduz abgelaufen ist. Wieso Klein und seine Leute glaubten, es gehe eine eminente Gefahr von den beiden Tanklastern aus, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als drei Stunden in dem Flussbett festgefahren hatten. Und weshalb der sonst so korrekte Oberst bewusst gelogen hat, um eine Bombardierung der Sandbank durch US-Piloten zu erreichen. Und warum am Ende nicht die vermuteten Taliban-Führer, sondern vor allem Zivilisten, darunter Dutzende Kinder, getötet wurden.

Ungeheure Wucht

Seine ungeheure Wucht entwickelt das 90-minütige Dokudrama „Eine mörderische Entscheidung“, weil es auf alles Plakative verzichtet. Regisseur Raymond Ley inszeniert beeindruckende, durchaus realitätsnahe Bilder vom afghanischen Alltag – dem Alltag der Afghanen genauso wie dem Alltag der jungen Bundeswehr-Soldaten: Die Hitze, der Staub, die Angst, die Sinnlosigkeit. Der eigentliche Plot wird aber zum nervenaufreibenden Kammerspiel im geheimen Gefechtsstand jener mysteriösen Bundeswehr-Taskforce 47, die als Sondereinheit nach wie vor in Afghanistan eingesetzt wird.

Der großartige Matthias Brandt gibt „seinem“ Oberst Klein nicht als sadistischen, gewissenlosen Killer, sondern als seltsam distanzierten, fast unbeteiligten Zweifler. Ein Schreibtisch-Täter, der mit der Situation in Kunduz, dem heißesten Krisenherd der Bundeswehr zu diesem Zeitpunkt, völlig überfordert gewesen – und in dieser Situation von seinen Vorgesetzten allein gelassen worden ist. Einer, der langjährige Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, gesteht das in dem Dokudrama fast beiläufig ein. Der Druck aus dem Ministerium von Franz Josef Jung (CDU) sei groß gewesen. Diesen Druck habe er, der Vier-Sterne-General Schneiderhan, weitergegeben an den Oberst.

In Erinnerung bleibt auch die Sequenz, in der die US-Bomberpiloten ein ums andere Mal per Funk ihre Zweifel äußern, ob es richtig ist, die Tanklaster zu bombardieren. Und wie Klein ein ums andere Mal sich den Einsatzregeln widersetzt und auf seinem Befehl beharrt. Auch diese Sequenz hat sich kein Drehbuchschreiber ausgedacht, sondern ist wörtlich den Protokollen aus dieser Nacht entnommen. Im März 2013 ist Georg Klein im Übrigen zum Brigadegeneral befördert worden.

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