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„Elven – Fluss aus der Kälte“, arte Skandinavischer Standard

Die achtteilige norwegische Krimi-Serie „Elven – Fluss aus der Kälte“ bietet klassischen Nordic Noir – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Elven - Fluss aus der Kälte
Der Polizist Thomas Lonnhoiden (Espen Reboli Bjerke). Foto: ZDF / © Torbjorn Sundol Holen/ZDF/Modern Time Group MTG Ltd.

Das Genres des „Nordic Noir“ begann in Buchform, als Reihe von international gefeierten und millionenfach gelesenen Kriminalromanen. Den Grundstein legten die Krimis von Maj Sjöwall and Per Wahlöö, die in den 60er und 70er Jahren das verstaubte Genre radikal entrümpelten. Diese neuen nordischen Krimis schlugen mit einer kuriosen Kombination zu: Einerseits zeigten sie eine erschreckende körperliche Brutalität und schreckten nicht vor detaillierten Beschreibungen von Folter, Misshandlung und Verstümmlung zurück.

Aber anstatt in den Horror- oder Pulp-Bereich abzurutschen, erzählten sie ebenso schonungslos von sozialer Ungerechtigkeit, Rassismus und Gewalt gegen Frauen. Nachfolgende Autoren wie Peter Høeg, Henning Mankell und Stieg Larsson blieben diesem Yin&Yang treu: Soziale Apell-Literatur, verkleidet als extra-blutige Krimi-Reißer.

Es dauerte etwas länger, bis das Genre auch im visuellen Medium eine Form fand. Nach einigen gescheiterten Kino-Adaptionen wie Lasse Hallströms überkandidelter „Smilla“-Verfilmung war es vor allem das Fernsehen, das mit Serien wie „The Killing“ die richtige Ästhetik fand, die seitdem vorherrscht: pittoreske, aber schroffe Landschaftsbilder, die sowohl die Schönheit als auch die Grausamkeit und Isolation des kalten Nordens zeigen; eine neutrale Handkamera, die Realismus vorgaukelt, aber oft nur Teile von Körpern und Szenen zeigt und wichtige Informationen vorenthält; entsättigte Farben, die die soziale Einsamkeit und Freudlosigkeit symbolisieren, in der solche Grausamkeiten erst denkbar werden; und eine tödliche Langsamkeit, die zeigt, dass sowohl Verbrechen als auch Gerechtigkeit keine Sache von schnellen Handlungen, sondern von jahrelang geplante und verfestigten Gewohnheiten sind. All diese Merkmale sind viel mehr im Fernsehen zu Hause als im Kino.

Aber nicht nur für die triste Ästhetik, auch für die dahinterstehende Philosophie ist die Fernsehserie wie geschaffen: Um einen Mord zu verstehen, muss man im Nordic Noir eine ganze Gesellschaft verstehen. In den schmalen Büchern von Agatha Christie oder Raymond Chandler reichte es noch völlig aus, eine Handvoll Figuren und ihre Motive zu kennen – perfekt für einen Spielfilm. In den Wälzern des Nordic Noir dagegen machten die Figuren und ihre Motive keinen Sinn, wenn man nicht ihren Alltag versteht, ihr soziales Umfeld, die Vorgeschichte ihrer oft schwer belasteten Familien und die komplizierte Moderne, die nicht selten ein Auslöser für Verbrechen oder Entdeckung ist – das passt wie angegossen zu der ausschweifenden, geduldigen Erzählweise einer Fernsehserie.

Diese etwas ausführliche Definition zum Nordic Noir sei an dieser Stelle erlaubt, weil die norwegische Serie „Elven“, geschrieben und mit-inszeniert vom berühmten Krimiautor Arne Berggren, wirklich alle dieser Merkmale in Reinform zeigt: brutale Männer mit sexueller und gesellschaftlicher Macht; religiöse Minderheiten (in diesem Fall die Laestadianer in Lappland); politische Verwicklungen mit einem störrischen Militär im russisch-norwegischen Grenzgebiet; weibliche Mordopfer; eine zerrissene, karge Landschaft und ein zerrissener, wortkarger Ermittler mit einer schwer belasteten Familien-Vorgeschichte. Das alles natürlich präsentiert in entsättigten Farben, geduldiger, drohender Langsamkeit und neutraler Handkamera.

Es ist also der perfekte Querschnitt eines Nordic Noir. Bei Berggren stechen weder als Autor noch als Regisseur bemerkenswerte Eigenheiten hervor, wie sie beispielsweise Larsson mit seiner radikalen Salander-Figur oder Høeg mit seinen philosophischen Exkursen zu bieten haben. Das muss man nicht als Schwäche sehen, aber es zeigt durchaus auch die Grenzen dieser achtteiligen Serie: Während sich Berggren ganz auf seine Plot-Konstruktion und seine Themen konzentriert und dabei durchaus auch ein unterhaltsames und solides Ergebnis hervorbringt, gibt es kaum wirkliche Überraschungen. Und das sagte einiges darüber aus, wo der Nordic Noir, der einst ein radikales Genre voller Überraschungen war, angekommen ist. Der Skandinavische Krimi ist in Inhalt und Ästhetik zum erwarteten Mainstream geworden, und „Elven“ erfüllt genau diese Erwartung.

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