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„Ellerbeck“ (ZDF Neo) Wenn Wutbürger an die Macht kommen

Cordula Stratmann als unfreiwillige Bürgermeisterin in einer frechen Politsatire.

16.07.2015 08:46
Tilmann P. Gangloff
Sabine (Cordula Startmann) und ihr Widersacher Alexander ten Hensen (Markus John). Foto: ZDF/Frank Dicks

„Erin Brockovich“ lässt grüßen: Weil vor den Toren der Gemeinde Ellerbeck im Emsland eine riesige Schweinemastanlage entstehen soll, hat Erzieherin Sabine (Cordula Stratmann) gemeinsam mit einer Handvoll Mitstreitern eine Bürgerinitiative gründet. Bei den bevorstehenden Bürgermeisterwahlen soll ihre eloquente Freundin Yvonne (Inka Friedrich) dem Amtsinhaber das Leben so schwer wie möglich machen.

Doch dann wird Yvonne schwanger, und deshalb muss nun die naive Sabine die Kandidatur übernehmen. Dank ihrer unverfälschten Art fliegen ihr prompt die Herzen der Bürger zu, sie schafft die Sensation und gewinnt die Wahl; aber damit fangen die Probleme erst an, denn von Politik hat sie keine Ahnung.

Das ZDF deklariert „Ellerbeck“ als Sitcom. Im Grunde ist es natürlich egal, welches Etikett ein Sender einer Serie gibt, solange er dabei nichts völlig Falsches verspricht, aber in diesem Fall passt die Bezeichnung tatsächlich nur deshalb, weil es sich um Comedy handelt und die einzelnen Folgen keine dreißig Minuten dauern. Im Unterschied etwa zur aktuellen ARD-Vorabendserie „Die Kuhflüsterin“, in der ebenfalls Cordula Stratmann die Hauptrolle spielt, ist in „Ellerbeck“ nicht jede Szene auf eine Pointe hin inszeniert.

Außerdem erzählt das Autorenquintett, zu dem unter anderem auch Oliver Welke gehört, eine mehr oder weniger fortlaufende Geschichte, denn Sabine wächst selbstredend mit dem Amt und seinen Herausforderungen; echte Sitcom-Charaktere zeichnen sich jedoch dadurch aus, dass sie im Grunde ihr ganzes Serienleben lang auf der Stelle treten.

All das ist aus Zuschauersicht selbstredend zweitrangig; Hauptsache, die Handlung ist originell, die Figuren sind gut besetzt und das Tempo stimmt (Regie: Eric Haffner, Marcus Weiler). All’ das trifft zu, und da die wichtigsten Charaktere zwar zugespitzt, aber nicht überzeichnet sind, kommt „Ellerbeck“ auch ohne die Übertreibungen aus, zu denen deutsche „Sitcoms“ mitunter neigen.

Nicht neu ist hingegen die Idee, die Serie ähnlich wie „Stromberg“ als Rohmaterial einer Reportage zu verkleiden, weshalb die Mitwirkenden ihr Tun immer wieder Richtung Kamera erklären. Stilistisch äußert sich diese Verpackung in Form von raschen Schwenks und Zooms, weshalb sich die Folgen durch eine gewisse Rohheit auszeichnen. Einen wirklichen Gewinn stellt dieser Stil aber nur in jenen Szenen dar, in denen den Menschen die Anwesenheit der Kamera unangenehm ist, etwa als Sabine und ihr Mann (Kai Lentrodt) dem Team ihr Haus zeigen und dabei Dinge zur Sprache kommen, die eher nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind.

Davon abgesehen zeichnet sich „Ellerbeck“ gerade durch den Umstand aus, nicht auf Teufel komm’ raus permanent komisch sein zu wollen. Natürlich gibt es auch Gags, die auf den schnellen Lacher aus sind, zumal Sabines Vorgänger (Markus John) ein Chauvi alter Schule ist und ihr korpulenter Mitstreiter Günther (Oliver Nägele) mehrfach für Slapstickeinlagen herhalten muss, aber das „Wutbürger“-Phänomen wird durchaus subtil und intelligent verarbeitet; und wie Cordula Stratmann als Politikerin ihre Erfahrungen aus der Kindertagesstätte einfließen lässt, ist hübsch ausgedacht, stellenweise richtig frech und noch besser gespielt. Ab dem 24. Juli zeigt das ZDF die Serie auf dem Sommerferienplatz der „heute-show“, und auf diesem Sendeplatz ist „Ellerbeck“ zumindest nicht deplatziert.

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