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„Einstein“ Genie und Alltag

Die zweite Staffel der heiteren Krimiserie von Sat.1 bleibt weit hinter den Erwartungen zurück, die die erste geweckt hat.

Yung Ngo Haley Louise Jones Tom Beck Annika Ernst Rolf Kanies und Laura Berlin bei der Premiere
Die erste Staffel „Einstein“ um Hauptdarsteller Tom Königs (graues Oberteil) hat hohe Erwartungen geweckt. Foto: imago

Das war ein echter Volltreffer: Mit der Krimiserie „Einstein“ konnte Sat.1 2017 endlich wieder an einstige Erfolge anknüpfen, als dem Sender mit „Der letzte Bulle“ und „Danni Lowinski“ zwei der interessantesten deutschen Serien der letzten zehn Jahre gelungen war. Schon allein die Schnittfrequenz stellte einen neuen Maßstab dar, zumal das Tempo einen guten Grund hatte. Der Titelheld, begnadeter Physiker, Professor an der Universität Bochum und unehelicher Ururenkel von Albert Einstein, ist ein Genie, aber seine Tage sind gezählt:

Felix Winterberg, Spitzname Einstein, Mitte dreißig, hat die unheilbare Erbkrankheit Chorea Huntington. In einigen Jahren werden die ersten Symptome auftauchen; dann wird sein Gehirn beginnen, sich zu zersetzen. Weil seine Zeit begrenzt ist, nutzt er sie doppelt und arbeitet mit Hochdruck an einer Formel, die die Energieprobleme der Erde lösen soll. Nebenbei berät er noch die Bochumer Kriminalpolizei in Gestalt von Kommissarin Elena Lange (Annika Ernst) bei kniffligen Fällen. Tom Beck ist genau der richtige Darsteller für diesen Mann; der Frauenschwarm verkörpert ohnehin gern Typen, die ständig unter Strom stehen.

Die zweite Staffel ist allerdings wie eine Begegnung mit einem alten Freund, den man länger nicht gesehen hat und der von einer schweren Krankheit genesen ist: Aus unerfindlichen Gründen ist der Serie zumindest in den ersten beiden von zehn neuen Folgen das Tempo abhanden gekommen, was sich prompt negativ bemerkbar macht; und das nicht nur, weil die flotte Schnittfrequenz ein gewisses Alleinstellungsmerkmal der Serie darstellte.

Neue  Reizpunkte und neue Zuschauer

Für die Inszenierung sind nun verschiedene Regisseure verantwortlich (Dominic Müller, Felix Stienz und Oliver Dommenget). Gerade die Bildgestaltung unterscheidet sich deutlich. Thomas Jahn (Regie  und Kamera), vom dem auch der 2015 ausgestrahlte Pilotfilm stammte, hatte den aufwändig gestalteten Bildern in der ersten Staffel eine beeindruckende Virtuosität verliehen. Auf diese Weise konnte er nicht nur kaschieren, dass die Serie vorwiegend aus Innenaufnahmen bestand, er half den Geschichten auch über gewisse Schwächen hinweg. Es war ja schon in den ersten zehn Folgen ein Widerspruch, dass der geniale Winterberg nicht etwa die Welt rettet, sondern schlichte Kriminalfälle löst.

In der zweiten Staffel wollten die Verantwortlichen offenbar nicht nur neue Reizpunkte setzen, sondern auch neue Zuschauer erschließen, selbst wenn Menschen jenseits der fünfzig gar nicht mehr zur Sat.1-Zielgruppe gehören. Das Augenmerk der Drehbücher (wieder von Matthias Dinter und Martin Ritzenhoff) scheint nun stärker im zwischenmenschlichen Bereich zu liegen. Diese Ausrichtung wird von Angela Roy repräsentiert, die dank diverser „Traumschiff“-, „Pilcher“- und „Lindström“-Filme eine typische Vertreterin des „Herzkinos“ im ZDF ist und auch „Einstein“ prompt um eine entsprechende Ebene ergänzt. Sie spielt Winterbergs Mutter, die bislang in Amerika gelebt hat und nun Rektorin der Uni wird. Angeblich ist Constanze Winterberg Professorin für Psychiatrie; entsprechende Nachweise bleiben die Rolle und ihre Darstellerin jedoch schuldig. Stattdessen mischt sich die Frau ständig in das (Liebes-)Leben ihres Sohnes ein.

Verzicht auf Physik und Experimente

Für weitere Auflockerung soll Constanzes Liaison mit Stefan Tremmel (Rolf Kanies) sorgen, dem etwas eingebildeten Vorgesetzten der Kommissarin. Zur horizontalen Ebene gehört zudem das von Anfang an im Ungefähren verbleibende Verhältnis zwischen Winterberg und der Polizistin. Die Dialoge wirken zwar mitunter wie aus einer romantischen Komödie, aber die beiden wahren stets Distanz, was sie nicht davon abhält, die amourösen Engagements des jeweils anderen misstrauisch zu beobachten; boshaft torpediert Winterberg eine sich anbahnende Beziehung zwischen Elena und einem Unikollegen.

Weiteres Merkmal für eine geänderte Ausrichtung der Serie ist der Verzicht auf die angewandte Physik; die oftmals verblüffenden Experimente, mit denen der Professor seine kriminalistischen Theorien untermauerte, fehlen ebenso wie die gut in die Dialoge integrierten wissenschaftlichen Fakten. Geblieben ist dagegen das Gestaltungsmerkmal, mit dem visualisiert wird, wie die kleinen grauen Zellen des Physikers auf Hochtouren arbeiten: weil dann Vektoren und Formeln durchs Bild schießen.

Dass sich die zweite „Einstein“-Staffel nicht an ein junges Publikum richtet, verdeutlichen auch die Fälle. In Folge eins stirbt ein weiblicher YouTube-Star, als die junge Frau gerade ihre neu erworbenen Produkte vorstellen will. Es gibt zwar einige hübsche parodistische Momente, aber im Großen und Ganzen wirkt die Geschichte, als solle ein älteres Publikum auf spielerische Weise über diese jugendliche Parallelwelt informiert werden. Die darstellerischen Leistungen der jungen Mitwirkenden sind allerdings zum Teil von ähnlichem Niveau wie die tatsächlichen YouTube-Videos. Während dieser Auftakt zur zweiten Staffel trotzdem thematisch interessant ist, geht es in Folge zwei um den Streit zwischen einem gemeuchelten Taubenzüchter und seinem Nachbarn, der sich permanent über den Vogelkot aufregt. Das ist zwar ein typischer Ruhrgebietsstoff, aber die Umsetzung ist ähnlich aufregend wie der Inhalt. „Einstein“ ist im Fernsehalltag angekommen.

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