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„Eine kurze Geschichte der Sklaverei“, Arte Ausbeutung als üble Wurzel allen Fortschritts

Ein Vierteiler auf Arte erzählt von Jahrhunderten einer unfassbaren und permanenten Gewalt, unter der vor allem die Bevölkerung Afrikas gelitten hat.

Kurze Geschichte der Sklaverei
Mehr als 20 Millionen Afrikaner wurden im Laufe der Geschichte deportiert, verkauft und versklavt. Foto: Oliver Patté/CPB Films

Es sind gut zweieinhalb Stunden, und dennoch ist die Geschichte der Sklaverei in dieser vierteiligen Dokumentation kurz und prägnant zusammengefasst. Die frühen Sklavenhaltergesellschaften der Antike – etwa der Griechen – spielen keine Rolle darin. Den Anfang machen die Römer, die von ihren Kriegszügen, mit denen sie über Jahrhunderte den erweiterten Mittelmeerraum sowie das zentrale und nordwestliche Europa verwüsteten, Sklaven mitbringen. Sklaven sind Kriegsbeute, werden anfangs als exotische Schauobjekte verwendet, bald aber eher als dauerhaft einsetzbare Arbeitskräfte, und sie kommen in immer höherer Zahl auf die Halbinsel.

Dieser Aspekt, nämlich die Verwendung der Sklaven für die Arbeit, ist die Basis all dessen, was in Sachen Produktion von und Jagd nach Reichtum während der folgenden Jahrhunderte geschieht und bis heute nicht wirklich aufgehört hat.

Versuchen wir noch schnell einen milden und marginalen Einwand gegen Karl Marx’ Theorem von der so genannten ursprünglichen Akkumulation. Marx meinte, der Handel sei das Instrument gewesen, mit dem die nötigen Mengen und Konzentrationen an Kapital entstanden, die zur Industrialisierung des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts führten. Ausgehend von dem, was dieser Vierteiler an historischen Fakten und Interpretationen zusammenträgt, muss man anmerken, dass es vor allem der Sklavenhandel war, der sich zum Medium der ursprünglichen Akkumulation machte. Also nicht einfach das Umschiffen der Weltkugel mit Karavellen voller Gewürze und Gold, sondern die systematische und überaus gewinnbringende Versklavung von Menschen, die für die möglichst totale und willenlose Ausbeutung ihrer Arbeitskraft in Besitz genommen werden.

Was das ändert an der Interpretation des Kapitalismus und der Welt? Es könnte bedeuten, dass es bisher nie eine nach den Regeln der Menschenrechte verlaufende Wirtschaft gegeben hat. Dass also unser Reichtum, unsere Technologie, unsere Demokratie, unser Menschenbild und seine rassistischen Auswüchse, unser Weltbild, unsere internationale Politik allenthalben ihre Wurzeln in der Versklavung von Menschen haben. Und seit eh und je ist Afrika der Kontinent, der dafür das Reservoir gebildet hat.

Die Dokumentation (Regie: Daniel Cattier, Juan Gélas, Fanny Glissant)  versucht eine historische Systematik, die mit der ersten Einbeziehung afrikanischer Arbeitssklaven und Machthaber in den Sklavenhandel einsetzt. Da werden auf Trans-Sahara-Routen Sklaven nach Mesopotamien geschafft. Im 14. Jahrhundert taucht Portugal in der Geschichte auf und beginnt mit der systematischen Entwicklung von Sklavenhandel von der westafrikanischen Küste aus. Und man staunt, wie wenig Wissen in europäischen Kontexten über ein präkolonialistisches Afrika vorhanden ist.

Richtig viel Schwung kommt in die Sache mit der Idee der Portugiesen, in den Tropen Zuckerrohr anzubauen und zu ernten und dafür Arbeiter aus Afrika zu holen. So beginnt der erste Dreieckshandel der Geschichte: europäische Luxuswaren für den kongolesischen Adel gegen Menschen für die bald transatlantischen Zuckerrohr-Plantagen, deren Produkte wiederum nach Europa verschifft werden. Nicht sehr viel anders läuft zweieinhalb Jahrhunderte später der Dreieckshandel auf Baumwoll-Basis zwischen England und Westfrankreich auf der einen, der afrikanischen Westküste auf der anderen und Amerika auf der dritten Seite.

Zwischendurch hört man hochinteressante Geschichten von der Insel Sao Tomé, aus Europa, von der Position der christlichen Kirche in all diesen Vorgängen, aus der Karibik, man erfährt von den Bräuchen der Sklavenhändler, von Schiffen und Märkten und der Verdinglichung von Menschen. Von Jahrhunderten einer unfassbaren und permanenten Gewalt.

„Menschenhandel“ liefert einen erweiterten und vertieften Blick auf die Geschichte des Reichtums und seiner Opfer. Ein Werk der Aufklärung im allerbesten, also leider auch ziemlich unbehaglichen Sinne.

 

 

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