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„Eine deutsche Jugend“, Arte Die Pubertät der bundesdeutschen Demokratie

Mit einer Collage versucht der französische Autor Jean-Gabriel Périot die Entwicklung einiger Oppositioneller der 60er Jahre zur RAF nachzuvollziehen.

Andreas Baader (re.) während der Stürmung des Berliner Abgeordnetenhauses Foto: W-Film Distribution/Local Films

Wie alles anfing, ist bekannt. Ein Polizist erschoss in einem Berliner Hof einen sich von einer Demonstration entfernenden Studenten von hinten in den Kopf: ein Mord, der nie gesühnt wurde. Aber natürlich hatte es so nicht angefangen, schon seit Beginn der sechziger Jahre gärte es in der jungen Generation, nicht nur in Deutschland. Doch gilt der Mord an Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 als Beginn der Radikalisierung der deutschen Studenten.

Das erzählt auch der französische Autor Jean-Gabriel Périot so. Er hat sich auf die Suche gemacht in den Archiven, nach Bildern und anderen Dokumenten, um eine Erklärung zu finden für die Ereignisse in den Jahren danach. Dabei hat er aus unterschiedlichsten Quellen eine filmische Collage zusammengestellt, die nun als unkommentierter anderthalbstündiger Film unter dem Titel „Eine deutsche Jugend“ bei Arte zu sehen ist.

Man kann den Titel fragwürdig finden. Denn auf die meistens zwischen 1936 und 1946 Geborenen, die den Protest überwiegend trugen, passt das Substantiv „Jugend“ nach heutigem Sprachverständnis eigentlich nicht mehr. Was Périot schildert, ist eher die Pubertät der demokratischen Phase der Bundesrepublik. Und unter dieser Perspektive bietet seine Fleißarbeit einige bemerkenswerte Momente, auch wenn das meiste bekannt ist.

Es beginnt freilich mit einer groben Vereinfachung: Die Behauptung, „dass die Bücherverbrennung für die deutschen Nachkriegsgeneration den Nazi-Wahn am klarsten symbolisierte“, ist fragwürdig. Und wird rasch widerlegt durch die Aussagen, die Ulrike Meinhof in einer Fernsehsendung bei Eugen Kogon trifft. Nicht nur das Maß an sprachlicher Differenzierung und ihre scharfsinnige Darstellung der versteinerten Verhältnisse lassen staunen.

Auch die Tatsache, dass jemand seine systemkritische  Meinung so ausführlich wie ungestört durch Einwürfe oder Polemik kundtun konnte, erscheint heute geradezu wie ein verlorengegangenes Paradies der Debattenkultur. Die Gastgeber heutiger Talkshows täten gut daran, sich diese Art des Gesprächs noch einmal zu Gemüte zu führen (und die größten Debatten-Flegel wie etwa Andreas Scheuer oder Markus Söder auch mal in die Schranken zu weisen).

Ulrike Meinhofs klare Sicht der Situation, ihre Fähigkeit zur Analyse müssen auch Autor Périot fasziniert haben. Denn im Grunde erzählt er von der Radikalisierung der Bewegung anhand von Meinhofs Schicksal und lässt dabei durch die Montage der Aussagen Sympathie für die frühe Phase der Außerparlamentarischen Opposition erkennen.

Dabei kommt ihm zugute, dass die Geschichte der 68er-Bewegung auch eine Mediengeschichte ist. Schließlich waren Mitte der sechziger Jahre nicht mehr nur die Zeitungen, sondern nun auch Film und Fernsehen schon maßgeblich für das Bild, das in der Öffentlichkeit von den Protesten entstand. Filmschaffende wie Alexander Kluge hatten schon Jahre zuvor oppositionellen Geist erkennen lassen. Und Périot zeigt Szenen aus dem Film „Brandstifter“ des Münchener Regisseurs Klaus Lemke mit Gudrun Ensslins Satz: „Gegen eine Gesellschaft, für die Gewaltanwendung so etwas Selbstverständliches ist, kann man nur mit Gewalt vorgehen.“

Meinhof selber hatte das Buch zum Film „Bambule“ geschrieben – der nach ihrer Befreiung von Andreas Bader aber mit Sendeverbot belegt wurde (und meines Wissens bis heute nicht im Ersten Programm gezeigt worden ist). Ihr Weggefährte Holger Meins gehörte bekanntlich zu den ersten Studenten der 1966 gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) in Berlin. Und selbstredend war auch das Fernsehen ein Ort der Auseinandersetzung mit seinen Magazinen und Interviews.

Die Bilder von damals verströmen noch die Aura einer gewissen Unschuld, auch als sich die Lage längst zugespitzt hat und nun „sechs gegen 60 Millionen“ (Heinrich Böll) stehen. Da sieht man etwa bei einem Bericht über die Suche nach RAF-Mitgliedern einen Polizisten sein Gewehr laden – neben ihm spielen Kinder. Und in den Kommentaren der Politiker ist zunächst von der „Bader Meinhof Gruppe“ die Rede – erst später wurden sie im offiziösen Sprachgebrauch zur „Bande“  – mit Hilfe auch politischer Scharfmacher wie Gerhard Löwenthal vom ZDF.

Die Polarisierung der Gesellschaft als Folge der Radikalisierung der Opposition und der RAF-Strategie mit Morden und Entführungen handelt Périot dann allerdings im Stakkato ab. So werden die Ereignisse und die öffentlichen Kommentare und Entschlossenheits-Bekundungen der Politiker wie Kanzler Helmut Schmidt nur noch kurz gegeneinander geschnitten: Stattdessen wäre er besser bei weiteren Beispielen für die Anfänge der Entwicklung geblieben.

Doch schließt der Autor mit einem klug gewählten Ausschnitt aus „Deutschland im Herbst“: der Diskussion zwischen Rainer Werner Fassbinder und seiner Mutter. Da wird das vergiftete Klima in der Bundesrepublik Mitte der siebziger Jahre noch einmal erkennbar. Und die deutsche Demokratie hatte ihre Pubertät nun hinter sich gelassen.

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