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„Ein Teil von uns“ Ganz unten

Ein bedrückendes, aber vorzüglich gespieltes Drama mit Brigitte Hobmeier als Tochter einer Obdachlosen.

16.11.2016 08:32
Tilmann P. Gangloff
Nadja (Brigitte Hobmeier) und ihre Mutter Irene (Jutta Hoffmann), nachdem sie wieder von einer Einrichtung abgewiesen worden sind. Foto: © BR/Alexander Fischerkoesen

Immer mal wieder, aber dennoch viel zu selten erzählen Fernsehfilme von Menschen, die mitten unter uns leben, aber dennoch praktisch unsichtbar sind. „Auf der Straße“ (2015) zum Beispiel handelte von einer Witwe (Christiane Hörbiger), die unverschuldet in die Obdachlosigkeit gerät und sich verblüffend rasch in einen jener Menschen verwandelt, die sie zuvor stets ignoriert hat. „Ein Teil von uns“ zeigt die Ereignisse aus einer anderen Perspektive. Zentrale Figur ist die Kindergärtnerin Nadja (Brigitte Hobmeier), deren Mutter Irene (Jutta Hoffmann) die bürgerliche Existenz offenbar vor geraumer Zeit aufgegeben hat. Im Leben der Tochter spielt sie schon lange keine Rolle mehr; Nadja hat den Kontakt komplett abgebrochen. Doch mit der Beschaulichkeit ihres Lebens ist es schlagartig vorbei, als Irene wie aus heiterem Himmel erst im Kindergarten auftaucht und später vor Nadjas Wohnung randaliert. Da sich Nadjas Vater (André Jung) nicht für seine Ex-Frau zuständig fühlt und ihr Bruder Micki (Volker Bruch) den Kopf in den Sand steckt, ist die Tochter gezwungen, sich um ihre Mutter zu kümmern, zumal der Winter ansteht und Irene aus ihrem Zimmer im Heim für Wohnungslose geflogen ist.

„Ein Teil von uns“ ist exzellent gespielt und schildert die Verhältnisse ungeschönt; nicht nur der Inhalt, auch die Gestaltung der kühlen Novemberbilder (Kamera: Alexander Fischerkoesen) sorgt dafür, dass das Drama alles andere als herzerwärmend ist. Gerade Jutta Hoffmann verkörpert die offenkundig geistig verwirrte Mutter mit unbarmherziger Konsequenz als boshafte und ständig mit saftigen Kraftausdrücken um sich werfende alte Frau, die jedes Mitgefühl im Keim erstickt. Solche Empfindungen weckt viel eher Brigitte Hobmeier, denn Nadjas Dasein wird durch Irenes Auftauchen mehr als nur aus der Balance gebracht: Als die Mutter zum zweiten Mal auf dem privaten Kindergartengelände auftaucht, verliert die Tochter ihre Arbeit; und weil sie sich schämt, ihrem Freund Jan (Nicholas Reinke) zu gestehen, um wen es sich bei der derangierten Alten handelt, die uneingeladen bei Mickis Hochzeit auftaucht und prompt randaliert, geht auch die Beziehung zunächst in die Brüche.

Drehbuchautorin Esther Bernstorff („Meine Schwestern“) erzählt die Geschichte konsequent aus Sicht von Nadja; warum Irene einst auf der Straße gelandet ist, wird bloß angedeutet. Da sich auch die Inszenierung von Grimme-Preisträgerin Nicole Weegmann („Ihr könnt euch niemals sicher sein“) ganz auf die Tochter konzentriert, muss die Mutter keine Sympathieträgerin sein. Trotzdem gönnt der Film auch ihr seltene Momente des kleinen Glücks, etwa, als die Tochter sie schließlich doch bei sich aufnimmt und sie mit Jan tanzt. Entscheidender für die Botschaft aber sind Nadjas vergebliche Versuche, einen Platz für die Irene zu finden; nicht mal eine Unterbringung in einem Heim für psychisch kranke Frauen kommt infrage, weil die Anstalt für Bewohnerinnen wie die immer wieder ausrastende und latent gewalttätige Irene zu wenig Personal hat. Für Jutta Hoffmann, die um die Jahrtausendwende die Potsdamer „Polizeiruf“-Kommissarin Wanda Rosenbaum gespielt hat und in den letzten Jahren kaum noch vor der Kamera stand, ist die kotzende und fluchende Obdachlose, deren Stimmung sich von einem Moment auf den anderen radikal ändern kann, eine tolle Rolle, die sie ohne Rücksicht auf Eitelkeiten bis zur bitteren Neige preiswürdig verkörpert. Ein Vergnügen ist „Ein Teil von uns“ trotzdem nicht, auch wenn es Bernstorff und Weegmann irgendwie gelingt, die Geschichte halbwegs versöhnlich ausklingen zu lassen.

„Ein Teil von uns“: 16.11., ARD, 20.15 Uhr. Wiederholungen: 17.11., ARD, 0.20 Uhr; 19.11., One, 20.15 Uhr.

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