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„Ein Kind wird gesucht“, Arte Unordnung und großes Leid

Realistische Krimis können spannend sein. Das ZDF und Arte beweisen es mit der Verfilmung eines realen Kriminalfalls, der vor sieben Jahren bundesweit für Schlagzeilen sorgte.

Heino Ferch
Heino Ferch im Kinopalast Vulkaneifel in Daun (Rheinland-Pfalz) nach der Premiere des ZDF-Films „Ein Kind wird gesucht“. Der Tod des kleinen Mirco aus Grefrath in Nordrhein-Westfalen hat 2010 die Menschen erschüttert. Der Film erzählt den Fall nach und zeigt neben der Verzweiflung der Eltern die zermürbende Arbeit der Ermittler - bis sie den Täter endlich haben. Foto: dpa

Die Häufung ist auffällig. In jüngster Zeit befassten sich gleich mehrere groß angelegte Fernsehproduktionen mit Gewalttaten gegen Kinder und Jugendliche. Entführungen, auch Morden. Gerade erst die nach französischem Serienvorbild gedrehte Harlan-Coben-Adaption „Keine zweite Chance“ bei Sat.1, zuvor „Das Verschwinden“ im Ersten, auch die Netflix-Serie „Dark“ greift das Motiv auf. Bei diesem Thema ist eine besonders kritische Sicht geboten und zu fragen, ob das Spiel mit – sehr gut nachvollziehbaren – Elternängsten nicht in ungehöriger Weise für den billigen Thrill missbraucht wird.

Bei dem Film „Ein Kind wird gesucht“, ein Beitrag des ZDF zum Arte-Programm, weisen schon die Namen der Beteiligten auf ein seriöses Vorhaben. Für das Skript zeichnen Katja Röder und Fred Breinersdorfer verantwortlich. Breinersdorfer ist Rechtsanwalt, als Autor gelangte er über den Kriminalroman zum Fernsehen und zum Film, produziert und inszeniert auch. Katja Röder hat Schauspiel studiert und schreibt regelmäßig für den „Radio Tatort“. Ihrem gemeinsam verfassten Drehbuch liegt ein realer Fall zugrunde. Alle Figuren erscheinen mit Klarnamen, was nicht anfechtbar ist, da die Betreffenden selbst bereits Sachbücher über den Fall verfasst oder daran mitgewirkt und somit die Öffentlichkeit gesucht haben.

Zu wenig Frauen

An einem Morgen im September 2010 ruft Sandra Schlitter (Silke Bodenbender) ihren zehnjährigen Sohn Mirco, erhält keine Antwort, schaut in sein Kinderzimmer, findet es verlassen. Sie und ihr Mann Reinhard (Johann von Bülow) machen sich auf die Suche. Eine Freundin hatte Marcos markantes grünes Fahrrad außerhalb des Ortes auf einem Feld liegen sehen. Jetzt ist es verschwunden. Die Eheleute wenden sich an die Polizei. Ein Lautsprecherwagen fährt durch die Straßen. In einer Garage wird ein grünes Fahrrad gereinigt …

Kommissar Ingo Thiel (Heino Ferch) will gerade mit seinen Kindern zu einem Ausflug starten, als er zum Dienst gerufen wird. Wieder einmal muss er seine Familie enttäuschen. Die reagiert entsprechend verärgert. Der Fall, der auf Thiel zukommt, wird ihn und die alsbald eingerichtete Sonderkommission monatelang beschäftigen.

Breinersdorfer und Röder verzichten bei der Nacherzählung der damaligen Ereignisse auf jegliche Effekthascherei. Nüchtern und realitätsgerecht wird die Arbeit der Polizei beschrieben, und die stellt sich deutlich anders da als im üblichen Fernsehkrimi. Mit nur zwei kalauernden Kommissaren und ein bis zwei Zuträgern ist so ein Fall in der Realität nicht zu lösen. Vielmehr wirkt dort eine große Gruppe; ein enges Zusammenspiel ist notwendige Voraussetzung für den Fahndungserfolg. Experten für Fallanalyse, Kriminaltechnik, Opferschutz, IT-Technik kommen zu ihrem Recht.

Einmal bemängelt Thiel, dass zu wenig Frauen in die Gruppe berufen wurden. Schert ihn die Frauenquote? Nein – „Kolleginnen bringen die Leute auf der Straße schneller zum Reden.“

Entmutigende Rückschläge

Immer wieder scheinen die Ermittler der Lösung nahe und beinahe genauso oft werden sie wieder zurückgeworfen. Der Aufwand ist enorm. Hundertschaften durchkämmen die Wälder, an zig Telefonen werden die Anrufe möglicher Zeugen entgegengenommen, wobei sich die Polizisten oft den wildesten Nonsens anhören müssen. Selbst Kampfjets gelangen zum Einsatz, um mit Wärmebildkameras Marcos Aufenthaltsort ausfindig zu machen. Ohne Ergebnis.

All das verursacht Kosten. Schließlich ergeht angesichts der anhaltenden Erfolglosigkeit Weisung, die Soko zu verkleinern. Thiel bäumt sich auf, trotzt und wütet, hat sich in den Fall verbissen. Erst rechnete er die Eltern zu den Verdächtigen, jetzt fühlt er sich ihnen gegenüber verpflichtet, Marcos Schicksal zu klären. Dabei verliert er immer häufiger die Nerven, verhält sich ungerecht, düpiert ein ums andere Mal Frau und Kinder.

Doch wie kann er das eigene Familienleben genießen, wenn Marcos Eltern und seine Schwestern noch immer in Ungewissheit leben und leiden? Solche Fragen sind es, der dramatische Aspekt also, die dem Film innere Spannung verleihen. Die Schlitters sind strenggläubige Angehörige einer Pfingstgemeinde. Auch hier finden die Autoren einfühlsame Szenen – kein theatralisch zur Schau gestelltes Leid, kein schwülstiger Tragödienstadel. Gezeigt wird in nuanciertem Ensemblespiel, wie der Schmerz den gewöhnlichen Alltag durchdringt. Dazu gehört auch, dass die kleine Schwester kindlich unbefangen fragt, ob sie künftig Marcos Zimmer haben könne.

Heino Ferch tritt, wie man es von ihm kennt, eher kantig in Erscheinung. Aber das passt zu dieser Rolle. Oder Ferch zu ihr. Er spielt öfter solche Figuren, ganz ähnlich beispielsweise schon 2009 in dem Zweiteiler „Entführt“. Auch eine ZDF-Produktion.

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