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„Ein Engel verschwindet“, arte Eine Rückkehr nach langer Zeit

Die einstige französische Kino-Rebellin Laetitia Masson kehrt mit einem TV-Dreiteiler zurück, der ebenso stilvoll wie erschütternd 20 Jahre Schuld und Sühne nach einem Kindsmord auffächert.

Ein Engel verschwindet
Die zehnjährige Aurore (Mélody Gualteros) und ihre Mutter (Sigrid Bouaziz) haben ein schwieriges Verhältnis zueinander. Foto: ARTE France

Die ersten Minuten sind ein Statement: Ein Mädchen tanzt in Zeitlupe durch eine irreal weiße Graswüste vor kreischend blauem Himmel, in großen Lettern knallen die Credits und Titel auf den Bildschirm, und aus den Lautsprechern dröhnt „Walk Like A Egyptian“ von den Bangles. Es ist die Achtziger-Nostalgie von aktuellen Serien wie „Stranger Things“, aber durch den überstilisierten Fleischwolf eines David Lynch gedreht. Das Ergebnis ist, wie man es bei diesem Sujet erwarten könnte, zu gleiche Teilen unschuldig und verstörend. Hier hat sich jemand etwas vorgenommen.

Der surreale Auftakt erstaunt umso mehr, wenn man hört, wer da hinter der Kamera saß. Denn die französische Autorin und Regisseurin Laetitia Masson, die in den 90ern mit Filmen wie „Haben (oder nicht)“, „Liebe mich“ und „Zu Verkaufen“ in Berlin und Cannes für Furore sorgte, ist nicht gerade für stilistische Experimente berühmt, sondern eher für präzise beobachtete und intime Sozialdramen. Sie ist nach Jane Campion („Top Of The Lake“) oder Steven Soderbergh („The Knick“) nur die jüngste Indie-Ikone, die nach einer langen Kino-Karriere den Sprung auf den kleinen Bildschirm und in die lange Erzählform wagen.

Und so findet man sich denn auch recht schnell zurück in Massons bevorzugtem Modus: Schnoddrige bis obszöne Jugendsprache von Vorstadtjugendlichen, nervöse Schärfeverschiebungen der Handkamera, schonungslose Milieu-Zeichnung der perspektivlosen Betonburgen in den französischen Vorstädten. Und doch bleiben auch überraschende Stilmittel: Eine rabiate Farbdramaturgie, ein expressiver Schnitt mit Hang zu Wiederholungen und Jump Cuts und symbolische Inserts brechen den typisch Massonschen Realismus heutzutage auf – und das ist eine durchaus spannende Entwicklung.

Diese immer wieder eingestreuten Stilmomente korrespondieren sehr gut mit dem streckenweise erschütternden Plot und seinen psychologischen Schnörkeln. Denn Massons Dreiteiler ist eigentlich eher ein zweieinhalbstündiger Spielfilm in drei Kapiteln, der sich viel Zeit für die Träume und Psychologie der Figuren und sogar die Privatleben der Nebenfiguren nimmt. Während der erste Teil schonungslos den scheinbar grundlosen Mord der 10jährigen Aurore an einem Nachbarsjungen und die tragischen Folgen darlegt, springen Teil 2 und 3 20 Jahre in die Zukunft, wo die Täterin ebenso wie die Zeugen inzwischen erwachsen geworden sind – und doch von der Vergangenheit immer wieder eingeholt werden.

Wie immer bei Masson kann man den Plot in wenigen Worten zusammenfassen. Und vielleicht hätte dies sogar ein einfacher, vorhersehbarer Film werden können, wenn Masson nicht weiterhin die Fähigkeit hätte, mit ihren Schauspielern aus scheinbar einfachen Emotionen wie Rache, Trauer, Angst oder Reue komplexe und faszinierende Figuren zu bauen. Diesmal steht nach langer Zeit mal wieder Elodie Bouchez im Zentrum und liefert eine Glanzleistung ab als zutiefst verunsicherte Mutter mit einem dunklen Geheimnis. Aber bis in die kleinste Neben- und Kinderrolle hat Masson hier beeindruckende Performances aus ihren Schauspielern gekitzelt. 

So bleibt diese Miniserie von arte France in Erzählung und Stil durchgehend auf der Höhe eines ambitionierten Kinofilms, mit einer Intensität und Konsequenz, die man viel zu selten auf den hiesigen Bildschirmen sieht. 

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