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„Du sollst dich optimieren!“, Arte Die neue Religion

Was früher „Gott“ hieß, heißt jetzt „Erfolg“. Die Priester der neuen Religion nennt man „Coach“ oder „Personal Trainer“: Ein Arte-Film über das Gebot der ständigen Verbesserung des Ich.

Du sollst dich optimieren!
Ein Bootcamp für die Mitarbeiter des Verpackungskonzern Amcor in Zürich. Foto: ZDF/Reinhild Dettmer-Finke

Kleine Verschwörungstheorie gefällig? Bitte sehr: In den späten achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatte sich bei den Weltherrschern – ein selbstverliehener und etwas anmaßender, aber öffentlich nie verwendeter Titel für die Spitzen der 20 größten Konzerte des Planeten (damals noch ohne Berücksichtigung Chinas) – Nietzsches Erkenntnis durchgesetzt, dass Gott tot sei.

Da beschlossen sie, ein Konsortium aus Unternehmensberatern von McKinsey, KPMG und pwc mit dem Design einer neuen Religion zu beauftragen. Einer Religion, in der alles, was eine Religion braucht, vorhanden sein müsse, die aber möglichst gut den Erfordernissen der globalen Wirtschaft angepasst sein und also beispielsweise ohne Feiertage und andere lästige Institutionen auskommen sollte, die die Leute nur von der Präsenz bei der Arbeit abzuhalten geeignet seien.

Zwei Jahre später lagen die Ergebnisse vor, die sich seither in permanenter Anwendung, Erprobung und – der erfundenen Religion gemäß – einem Prozess permanenter, auch technisch gestützter Verbesserung befinden.

Was früher „Gott“ hieß und von jedem Gläubigen beliebig mit Inhalten und Vorstellungen gefüllt wurde, heißt jetzt „Erfolg“. Die Priester der neuen Religion – zentrale irdische Instanz zur Vermittlung zwischen der niederen Welt und dem höheren Wesen – bekamen den Namen „Coach“ oder „Trainer“. Das wichtigste religiöse Ritual waren nicht mehr Beichte, Gebet, Einkehr, Mitmenschlichkeit oder sonst irgendeine dieser traditionellen kollektiven und individuellen Rituale, sondern die Optimierung beziehungsweise – weil ja der einzelne Mensch im Mittelpunkt der Religion stehen sollte – die Selbstoptimierung.

Von dieser Religion berichtet die Dokumentation „Du sollst dich optimieren!“ (Regie: Reinhild Dettmer-Finke). Es ist ein Bericht aus einer Welt des aalglatten Horrors. Gläubige erzählen mit leuchtenden Augen davon, wie sie versuchen, jeden Tag ein bisschen besser zu werden. Darin enthalten ist das in jeder Religion unbedingt nötige Moment der Transzendenz, denn es handelt sich nicht nur um einen REWE-Werbeslogan, sondern um einen alltagstauglichen Grundsatz mit starker emotionaler Nähe zum Gedanken der Ewigkeit, der ewigen Jugend und der unbegrenzten Einsatzfähigkeit.

Es geht dabei auch um eine Art Perpetuum Mobile in der profanen Gestalt der so genannten Win-Win-Situation, die dem Individuum und dem Betrieb zugleich zugutekommt. Es geht um emotionale Intelligenz, um Leistungsbereitschaft und die Chance, das ganze eigene Potenzial abzurufen. Es geht um optimale Individualität und optimierte Anpassungsbereitschaft. Es geht um das Gefühl von Selbstbestimmtheit bei der Selbstausbeutung.

Natürlich ist ein Coach für den dauerhaften privaten Einsatz zu teuer, darum gibt es eine Fülle von Selbstoptimierungs-Ratgeber-Literatur und mittlerweile auch eine ganze Reihe von Apps, die dem Selbstoptimierer die Chance geben, sich selbst optimal zu überwachen und seine Schwächen zu erkennen. 

Und wenn einer versagt, wenn er etwa einen Burnout hat, was dann? Dafür werden gerade neue Tools entwickelt. Und zur Vorbeugung wird intensiv an verschiedenen Projekten eines optimierten Babymanagements gearbeitet.

Wir lassen es ja mit uns machen.

            

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