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„Dschihadisten im Visier“, Arte Simples Weltbild

Arte zeigt einen Dokumentarfilm über Reintegrationsprojekte für Radikalisierte und Rückkehrer in Dänemark und Frankreich – leider mit Plattitüden statt Ursachenforschung.

24.05.2016 10:40
Irit Neidhardt
Der Dschihadismus nutzt die Schwächen der französischen Gesellschaft: mangelnder Familienzusammenhalt, gescheiterte Integrationspolitik, fehlendes Gesellschaftsprojekt. Foto: © Elephant & Cie

Das Kino sei nicht die Reflexionen der Realität, sondern die Realität der Reflexion, so der schweizerisch-französische Regisseur Jean-Luc Godard. Eine These, die für das Fernsehen ebenso gilt. Im Godardschen Sinne wird Laetitia Moreaus ARTE Dokumentation „Dschihadisten im Visier“ zur interessanten Sendung. Es geht um Präventionsmaßnahmen, Reintegration und Aufklärung. Projekte aus Frankreich sowie eines aus Dänemark werden vorgestellt, private und offizielle Initiativen gegen Dschihadisten, die in Europa radikalisiert werden und von hier nach Syrien gehen.

Das Politische an den Beispielen ist, dass sämtliche vorgestellten Maßnahmen unpolitisch sind. Bedenkt man, dass der politische Islam als Problem ausgemacht wurde und dass Francois Hollande im November 2015 proklamierte, Frankreich sei im Krieg und seitdem der Ausnahmezustand im Land gilt, wähnt man sich im falschen Film.

Ausgangspunkt des Beitrags sind die Anschläge in Paris im November 2015. Gleich zu Beginn, nach Bildern von den Tat- und Gedenkorten, werden Ausschnitte einer Podiumsveranstaltung in einer Moschee gezeigt, auf der sich muslimische Geistliche und Kulturschaffende von der Gewalt distanzieren. Der Schnitt in die Moschee suggeriert, dass die Ursache der aktuellen politischen Gewalt allein im Islam zu suchen sei und sich alle Muslime dazu äußern müssten.

Dass einer der Podiumsteilnehmer sagt, es brauche eine Diagnose, um die richtige Medizin zu finden, ignoriert die Regisseurin. Auf Analysen, einen Sinn für die Komplexität der Lage oder nur das leiseste Interesse an der Situation in Syrien wartet man vergebens. Moreaus zeigt Menschen die mit Rückkehrern arbeiten, sich um Familien von Jugendlichen, die nach Syrien gegangen sind kümmern sowie eine Elterninitiative von Betroffenen.

Zwar fällt in der Mitte der Dokumentation der Satz, dass man die Ursachen warum Jugendliche in den Dschihad ziehen noch nicht kenne, dass sie aber aus allen Milieus kämen. (Das Bild dazu zeigt Plattenbauten.) Statt Ursachenforschung folgen Antworten und Plattitüden: Man müsse die Familien stärken, so eine Sozialarbeiterin. Eine Anthropologin erkennt, dass die Kämpfer dazu ausgebildet werden, den Gegner zu entmenschlichen, um ihn töten zu können. Braucht man dafür neue Studien? Gibt es nicht längst genügend Untersuchungen über die Sache mit der Entmenschlichung bei Kämpfern, die man jetzt zu Rate ziehen könnte?

Dass alle Personen im Film nur vom IS sprechen, wenn es um Dschihadismus geht, stellt die Regisseurin nicht in Frage. Charles R. Lister, Autor von „The Syrian Jihad. Al-Qaeda, the Islamic State and the Evolution of an Insurgency“ schätzt die Zahl der dschihadistischen Gruppierungen allein in Syrien auf ungefähr 1500. Seit über 20 Jahren ziehen Männer aus Europa in den Dschihad.

„Dschihadisten im Visier“ endet mit einem erfolgreichen Reintegrationsprojekt für Radikalisierte und Rückkehrer in Dänemark. Sozialdienste und Polizei erprobten dieses Konzept seit zehn Jahren, erzählt die Sprecherin. Vor zehn Jahren war der Islamische Staat in Syrien eine Utopie, an deren Verwirklichung nur wenige glaubten.

Überall in Europa erwarteten die Bürger von der Politik schnelle und radikale Lösungen für die aktuellen Probleme, resümiert der Film. Doch die Wurzeln für den Reiz des Dschihad lägen tief, es brauche Zeit und den Einsatz an mehreren Fronten, um wirklich etwas zu bewirken. Es braucht ganz dringend die Erkenntnis, dass Sendungen wie diese, die ein simplizistisches Weltbild von Gut und Böse, den Dschihadisten und uns Europäern perpetuieren und deren historischer Horizont zwei Jahre nicht überschreitet, kein Lösungsbeitrag sind. Es braucht die Erkenntnis, dass das Fernsehpublikum nicht dumm ist und manche darauf warten, dass ihnen endlich wieder Analysen und offene Fragen zugemutet werden.

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