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„Drachenjungfrau“ Die offenen Rechnungen

Das ZDF zeigt den kleinen, ziemlich feinen und bösen österreichischen Krimi „Drachenjungfrau“.

Drachenjungfrau
Stefanie Reinsperger und Manuel Rubey sehen sich um und lernen sich kennen. Foto: Alfons Kowatsch/ZDF

Manchmal ist dieser Krimi ein bisschen lieb, aber bei österreichischen Produktionen muss man selten die Befürchtung haben, dass es zu herzig wird. So gibt es zwar eine reizende Großmutter, die mit ihren Hühnern spricht und sich für jedes Ei einzeln bedankt und die Maulwürfe mit unorthodoxen Hausrezepten verscheucht. Sie ist aber eine Randfigur in einem höchst attraktiv (im Pinzgau, wie zu erfahren ist) gelegenen Örtchen, das sich insgesamt zweifellos vorgenommen hat, auf arglose Städter abschreckend zu wirken. 

Auch die Bewohner selbst haben es gründlich satt hier, eine gut informierte Immobilienmaklerin kauft auf, was sie kriegen kann, und mancher zieht zum Entsetzen der Nachbarschaft direkt rüber ins Bayerische. Dass es gleich Deutschland sein muss, ist auch den Unkrüben zu arg. 
„Drachenjungfrau“ macht nicht zuletzt deshalb Spaß, weil der ORF bei der Produktion die Nase vorn hatte, die Österreicher wirklich so zu sprechen scheinen, wie es unter ihnen üblich ist.

Jedenfalls fast. Das ZDF, liest man, soll eine gewisse „akustische Entschärfung“ erbeten haben, trotzdem ist nicht jedes Wort zu verstehen. Gut so. Die von Nikolaus Leytner, Stefan Hafner und Thomas Weingartner geschriebene Verfilmung nach einem Kriminalroman von Manfred Baumann – man merkt den Figuren an, dass sie in Serie geschrieben werden können, und so ist es auch – gehören in eine lose Reihe österreichischer „Landkrimis“. Auch die ARD hat schon Teile daraus gezeigt, jetzt kommt zweimal das ZDF. Am 24. Juni lockert „Die Frau mit einem Schuh“ aus Niederösterreich die tatortlose Zeit auf und hilft bei Bedarf beim WM-Boykott. 

Dass in „Drachenjungfrau“ bekannte österreichische Schauspieler mitwirken, fällt hierzulande auf, wenn Stefanie Reinsperger ins Bild kommt (Mitglied des Berliner Ensembles). Sie spielt die Kollegin vor Ort, scheinbar ist sie gemütlich und gutmütig, tatsächlich aber sehr auf Draht.

Reinsperger gibt ihr sofort etwas Einmaliges, sie kann nicht anders, und wie sie ihren (ebenfalls unorthodoxen) Diätplan beschreibt, pragmatisch und doch ein bisschen verlegen um Alltäglichkeit bemüht: Das lohnt im Grund schon das Zuschauen. Man sieht in dieser lakonischen kleinen Szene, die in einer Tankstelle spielt, an der man auch ordentlich essen kann (anders als neulich im München-Tatort), wie fein und flink Regisseurin Catalina Molina vorgeht. Beiläufigkeiten, die ja mit zum wichtigsten im Leben gehören – gerade in Kennenlernphasen – werden nicht aufgebauscht, aber mit Sorgfalt behandelt. 

Im Mittelpunkt geht es konventioneller zu. Der höfliche, zurückhaltende Ermittler Martin Merana (Manuel Rubey) kann nicht seine Ferienreise vorbereiten, sondern muss noch rasch aufs Land, um einen Todesfall aufzuklären. Klassischerweise handelt es sich um ein Kaff seiner Kindheit (Heimat der Großmutter). Es ist erneut unterhaltsam, dabei zuzuschauen, wie überall die Rechnungen offen geblieben sind. Meistens weiß man ja, warum man von wo weg ist. Jeder Mann in Meranas Alter ist ihm ein Graus, darunter ein mürrischer Mitpolizist und auch der Mann der ehemaligen Frau seines Lebens. Merana ist dann nicht mehr so höflich und zurückhaltend. 

Im Ort von heute hat Harald Krassnitzer als endlich einmal frisch und frei unsympathischer Unternehmer das Sagen. Er ist auch der Hauptsponsor eines total sexistischen, aber keineswegs unrealistischen Wettbewerbs, der die beste „Marketenderin“ ermitteln soll. Die 15-Jährige, die von einem dramatischen Fels in einen Wasserfall gestürzt und dabei umgekommen ist, hatte hier gute Chancen. In Rückblenden sieht man, wie ekelhaft das für sie war. Ferner war sie die Tochter von Meranas Ex-Geliebter, er weiß, was das bedeuten kann.

„Drachenjungfrau“ erzählt eine düstere Geschichte. Vom kühlen, bösen Blick auf die eigene Umgebung können viele deutsche Krimis noch etwas lernen.

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