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„Dr. Böhmermanns Struwwelpeter“, ZDF Der überfliegende Robert

Jan Böhmermann versetzt den umstrittenen Kinderbuchklassiker „Struwwelpeter“ satirisch in die Neuzeit. Schade, dass er dabei mitunter ein wenig zu viel will.

Dr. Böhmermanns Struwwelpeter
„Dr. Böhmermanns Struwwelpeter“: Jan Böhmermann steht als Struwwelpeter mit geöffneten Armen da und grinst fies in die Kamera. Foto: ZDF/Joseph Strauch

Er hat mal die obskure Firmenpolitik eines deutschen Schuhfabrikanten enthüllt, hat die Verlogenheit entlarvt, mit der RTL „Schwiegertochter gesucht“  fabriziert, vor wenigen Wochen hat er Nazi-Freunde, Nazi-Trolle und Nazis im Internet bloßgestellt, und mit seiner bislang erfolgreichsten Arbeit hat er es geschafft, dass sich die Bundeskanzlerin zu einem vorschnellen und fragwürdigen Urteil über ein Gedicht hinreißen ließ, mit dem er demonstrieren wollte, wie eng die Grenzen der Toleranz in der Republik gezogen werden. Das hat er meistens unter der Maske des Scherzbolds getan, der sich als „dünner blasser Junge“ gerne harmlos gab. Ist er aber nicht.

Jan Böhmermann wirkt eher wie ein hyperaktiver, altkluger und etwas hektischer  Klassenprimus der Fernsehunterhaltung, ein Zappelphilipp als Nachfolger des Zynikers Harald Schmid. Und damit sind wir beim Thema. Denn nun tritt er höchstselbst als der Titelheld des Kinderbuchs mit dem unruhigen Tischgenossen auf.  Wie im vergangenen Sommer will er die lieben Kinderlein wieder mit einer (selbstredend nicht ernst gemeinten) Belehrung in die Ferienzeit entlassen.

Da hatte er unter dem Motto „Letzte Stunde vor den Ferien“ vier Klassiker der Schullektüre als satirische Kurzfilme inszeniert, in denen er Effi Briest oder Faust zur Altherrenlektüre erklärte. Nun also Kinderlektüre, ein etwa 200 Jahre altes Buch, das die Altvorderen als Fibel der Erziehung, die Nachgeborenen aber als Ausbund schwarzer Pädagogik begriffen.

Wieder handelt Böhmermann das Sujet in Kurzfilmen ab, vier Geschichten aus dem „Struwwelpeter“ hat er ausgewählt und sich selbstverständlich selbst als der Zausel inszeniert. Dabei wird er unterstützt von einer Garde prominenter Darsteller wie Devid Striesow, Annette Frier, Kida Ramadan, Anna Schudt oder seinem Sidekick Ralf Kabelka. Das Setting ist ein Elternabend, Böhmermann der Klassenlehrer, und das Schicksal von Hans-Guck-in-die-Luft, dem Daumenlutscher, dem fliegenden Robert und  Paulinchen mit dem Feuerzeug werden in Sketchen abgehandelt, die merkwürdig in der Tonalität schwanken. Sie changiert zwischen blanker Albernheit und doch abgeschmackt wirkenden Klischees, vor allem in der Rahmenhandlung.

Einige Eltern beglücken die Versammlung mit selbstgebackenen veganen Keksen, andere schicken ihren Sohn zum Pilates und wollen sich beim Kochen mehr einbringen, und die ganz Besorgten  wollen sichergehen, dass an ihre Tochter keine der „links grün versifften Systemmedien“ herangetragen werden. Das ist schon arg platt erzählt.

Andererseits versteht Böhmermann es natürlich, historische Stoffe erkenntnisfördernd zu parodieren. Hans-Guck-in-die-Luft zu einem potentiellen Reichsbürger zu machen, der misstrauisch Chemtrails zu beobachten meint, hat Witz, auch wenn Andreas Kleinert das Thema noch pointierter in seinem sehenswerten Münchener Tatort „Freies Land“ aufgearbeitet hat. Böhmermanns Anführer der Reichsbürger sächselt selbstredend – soviel zu den Klischees.

Insgesamt hätte mehr Sendezeit den Filmen durchaus gutgetan, denn wenn beispielsweise beim Daumenlutscher gleichzeitig Medienschelte, Polizeiwillkür, Helikoptereltern und Mitleidsgehabe in den (a-)sozialen Medien satirisch aufs Korn genommen werden, entsteht doch eine merkwürdig anmutende Mischung.

„Dr. Böhmermanns Struwwelpeter“ läuft nicht auf ZDFneo, sondern im Hauptprogramm. Und vielleicht will der hyperaktive Entertainer ja mit seinem Magazin doch dorthin. Da hätte er andere Möglichkeiten – aber auch Beschränkungen. Ein gelungener Gag am Ende, der hier natürlich nicht verraten wird (mit Böhmermann selbst als Struwwelpeter), spricht zwar eher dagegen, aber für Überraschungen hat der Überflieger aus der Neo-Nische ja schon öfter gesorgt.

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