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„Die Toten von Turin“, arte Mord mit Modell

Die zwölf Folgen lange zweite Staffel dieser italienischen Krimiserie bietet außer einer überforderten Hauptdarstellerin wenig Bemerkenswertes.

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Inspektorin Valeria Ferro (Miriam Leone, li.) befragt die Freundinnen der getöteten Sofia. Foto: ARTE France

Machen wir uns nichts vor: Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind die Krimi-Plots doch eigentlich immer die gleichen. Es gäbe buchstäblich keinen Grund, den immergleichen Whodunnit einzuschalten, wenn man nicht gerne dem Ermittlern bei der Arbeit zusehen würde – und zwar wieder und wieder, nicht selten hunderte Male. Also wird, verständlicherweise, die Figur des Detektivs am interessantesten gestaltet. Und was haben wir nicht alles für Ermittler erlebt, allein in den letzten Jahren: Die Drogenabhängigen und die Schusseligen, die Cholerischen und die Suizidalen, die Singenden und die Scherzenden, die Soziopathen und die Depressiven, die Philosophen und die Vollidioten, die mit den Toten Sprechenden und die selbst Toten. Die neueste Serie auf Netflix hat einen Ex-Cop als Hauptfigur, der sich mit einem imaginären, fliegenden, blauen Comic-Einhorn unterhält. Noch die formelhafteste Vorabendserie, noch die dämlichste Dorfkrimireihe, sie alle versuchen zumindest, ugewöhnliche Ermittlerfiguren mit komplexem Hintergründen zu erschaffen und sie mit faszinierenden Darstellern zu besetzen.

Es gibt einfallsreichere Formate

Nun war die italienische Krimiserie „Die Toten von Turin“ (deren ähnlich unorigineller Originaltitel übersetzt „Du sollst nicht töten“ lautet) schon in ihrer ersten Staffel nicht gerade vorne mit dabei im internationalen Vergleich. Wir haben aus dem europäischen Ausland in den vergangenen Jahren wirklich einfallsreiche Krimiformate gesehen, die mit Struktur und Perspektive spielen, die politisch brisant oder gesellschaftlich aufwühlend waren, die stilistisch oder narrativ neue Wege beschritten. All das leisten „Die Toten von Turin“ nicht – in der zweiten Staffel noch weniger als in der ersten. Die sechs Fälle in diesen zwölf neuen Folgen sind denkbar altbacken und überkompliziert: Der Mord an einer reichen Anwältin deckt eine ganze Epidemie an unehelichen Affären und Gegenaffären aus; der absurde Tod eines Lehrers, der erst aus einem Fenster stürzt und dann von einem Auto überfahren wird, hat auch Dutzende von Motiven und Verdächtigen; eine tote Geigerin hatte eine Affäre mit ihrem Schwiegervater in spe, der auch ihr Dirigent war, weswegen ihr Verlobter, dessen Mutter, deren Geliebter, die Schwester der Toten und praktisch das ganze Orchester ein Mordmotiv hatte... geht’s noch? Ist das wirklich die „psychologisch tiefgründige“ Krimiserie, die arte bewirbt?

Die Hauptfigur bleibt blass 

Aber die große Sünde ist wirklich die Ermittlerfigur. Es ist eine spannende Frage, ob diese Standard-Morde in der Welt der Reichen und Schönen anschaubar wären, wenn ein Monk, ein Luther, ein Sherlock, ein Columbo oder ein Agent Cooper ermitteln würden. Statt dessen gibt es Oberinspektorin Valeria Ferro, die ihrem metallischen Namen leider so gar nicht gerecht wird. Eine buchstäblich blasse Figur mit den üblichen Klischeeproblemen, die man schon so oft gesehen hat: eine schwierige Affäre mit einem männlichen Vorgesetzten; einen privaten ungelösten Fall im Hintergrund; und eine damit direkt verbundene komplexe Familiengeschichte. Miriam Leone, die durch Schönheitswettbewerbe und Show-Moderationen zum Schauspiel gekommen ist, wirkt mit ihren knapp 30 Jahren immer noch viel zu jung und zerbrechlich für diese angeblich gestandene Mordermittlerin. Und gerade die tragische Familienpassagen überfordern ihr Schauspieltalent dann doch spürbar. Sie hat im Prinzip zwei Gesichtsausdrücke: einen schmollmundigen, toughen Look und einen rotäugigen, traurigen. Beide wirken, genau wie ihre zierliche Person, selbst gegenüber normalen Nebendarstellern buchstäblich leichtgewichtig. Eine tatsächliche Miss Italien, die Mordfälle ermittelt, das hätte ein interessanter Pitch sein können. Aber eine Schauspielerin, die Miss Italien war, und eine verlebte, sensible Kommissarin spielen soll – das geht nicht gut.

Aber es wäre falsch, alle Schuld der Hauptdarstellerin unterzuschieben – auch das Drehbuch gibt ihr nicht mehr als die Standardfloskeln zu sagen und nicht mehr als die Standardhandlungen zu tun. Und die maue Regie und flache Kamera können auch keine interessanten Seiten an ihr entdecken. Vielleicht ist es generell falsch, nach Schuldigen zu suchen: „Die Toten von Turin“ war in Italien durchaus erfolgreich, und es ist zwar durchwegs uninspirierte, aber eben auch solide Krimikost im Mittelmaß. Sie hat nur eben auf dem internationalen Fernsehmarkt nichts verloren, wo sie sich allein im arte-Jahresprogramm mit Dutzenden besseren Krimiserien messen muss. Ist beispielsweise „River“ noch in der Mediathek? Stellan Skarsgard, der als fertiger Cop beim Mordfalllösen mit seiner toten Partnerin streitet, das ist einfach ein größeres und besseres Kaliber.

„Die Toten von Turin“ – Zweite Staffel, arte, jeweils freitags ab 20.15 Uhr. Im Netz bei arte.

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