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„Die Schule von morgen“, arte Ein weites Feld ungesicherter Projektionen

Im zweiten Teil der Arte-Doku „Die Schule von morgen“ erfährt man in ausgewählten Momentaufnahmen Verschiedenes über die Aufgabenteilung unseres Gehirns und seiner Lappen und Rinden.

Die Schule von morgen
Seit 2016 werden neue Lernmethoden wie die Nutzung von Tablets in ausgewählten französischen Schul- und Vorschulklassen getestet. Foto: Effervescence Doc/Arte France

Es ist nur eine Momentaufnahme, auch wenn der Film als Zweiteiler daherkommt. Eine aspektreiche Momentaufnahme aus einer langen Phase allgemeiner Ratlosigkeit, die einen tiefgreifenden Wandel grundlegender gesellschaftlicher Prozesse und Orientierungen begleitet. Denn wer nach Strategien Leitlinien für eine Schule der Zukunft forscht, sieht sich sogleich der Frage gegenüber, wie man sich Zukunft vorstellen kann. Und schon beginnt das weite Feld ungesicherter Projektionen.

De meisten Menschen fallen bei dem Wort „Zukunft“ als erstes jede Menge Computer ein, die unser Leben oder die wir dann irgendwie in den Griff bekommen müssten. Als Zweites kommen Topoi wie der, dass man heute noch gar nicht wissen könne, mit was für Lernprozessen, Lerninhalten und Berufen man sich in der Zukunft über Wasser wird halten können, weil ja alles in ständiger Veränderung ist.

Ständig wechseln die Kriterien der pädagogischen Konzepte

Also am besten: weg mit der Zukunft, und mitten hinein in die Gegenwart – oder? Das ändert allerdings die Fragerichtung kaum: Welche Gegenwart, bitte? Und was für eine Schule soll wen wie auf diese Gegenwart vorbereiten? Wie, mit wem, mit welchen Methoden sollen Kinder was lernen und mit welchen Konzepten einer gereiften Persönlichkeit soll man da arbeiten?

Als Gegenwartsmodelle mit Zukunftspotenzial werden (beziehungsweise wurden im ersten Teil am 15. September) pädagogische Anstalten unter anderem in Singapur und Kalifornien, im zweiten Teil vor allem in Finnland und Frankreich herangezogen. Ständig wechseln Kriterien und Zielvorstellungen der pädagogischen Konzepte. Natürlich steht als Ziel immer eine Idee von „Erfolg“ am Horizont herum. Aber schon bei dem Versuch, Einigkeit über die genaueren Konturen eines pädagogischen und an den Lebenswirklichkeiten der Kinder orientierten Begriffs von Erfolg herzustellen, scheitert alles.

In Singapur zum Beispiel gehen die Uhren anders. Das Leben wird in räumlicher Enge verbracht, die Umgebung ist technologisch und finanzweltlich durchstrukturiert, Erfolg ist mit Ehrgeiz gekoppelt und an Computer, Lerngeschwindigkeit, Ansammlung von Kenntnissen und so weiter orientiert, also stark quantifiziert und nicht sehr flexibel eingefärbt.

Dort, in Ostasien, entsteht womöglich genau jene Art von Zukunft, die uns Europäern (um mal einen Sammelnamen mit kontinentalem Weitblick zu wählen) Angst machen könnte und vielleicht auch sollte. Alteuropäische Bildungsbegriffe, Emanzipations- und Individuierungs-Vorstellungen haben kaum Bedeutung, konservative Lerninhalte bekommen eine neue, über allen schwebt und unter alles mischt sich ein unbehaglich zwanghaftes Ordnungs- und Wirtschaftlichkeits-Denken.

In Kalifornien blüht die Waldorf-Pädagogik

In Kalifornien dagegen blüht, wenn man der Dokumentation Glauben schenken mag, unter anderem auch die Waldorf-Pädagogik, denn das Silicon Valley braucht Außenseiter und Kreative. Natürlich blüht andererseits auch in Kalifornien immer noch der altbekannte, an Ökonomie und Zählbarkeit messbare Erfolgsbegriff.

Vielleicht ist in Finnland alles besser? Immerhin ist das internationale Interesse am finnischen Schul- und Bildungssystem riesig. Und zwar selbstredend wegen seiner spektakulären Erfolge. Sogar aus China (und womöglich Singapur) kommen sie und lassen sich das Schulsystem in dem kleinen, winterdunklen nordeuropäischen Land erklären. Was kann man wohl in Finnland für China oder für  Singapur über sinnvolle Pädagogik lernen?

Im Zentrum der Dokumentation steht vor allem im zweiten Teil eine kursorische Bestandsaufnahme kognitiver Wissenschaften und der aktuellen Hirnforschung. Auch hier gibt es nur ausgewählte Momentaufnahmen. Man erfährt Verschiedenes über die Aufgabenteilung unseres wundersamen Gehirns und seiner Lappen und Rinden.

Schwer zu sagen, wie Lehrer damit arbeiten sollen. Oder wie dermaleinst Lehrpläne aussehen und umgesetzt werden, in denen nicht mehr „Deutsch“ oder „Mathe“ steht, sondern etwa „Stimulation des präfrontalen Cortex“. Man kann sich auch für die Zukunft sehr gut Lehrer vorstellen, die davon überfordert wären. Vielleicht sollten wir nicht nur über Hirnforschung und die kommenden Einflüsse aus Ostasien nachdenken.

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