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„Die Luther-Matrix“ „Doku-Thriller“ über Luther kann nicht überzeugen

Mischung aus Cyber-Krimi und Dokumentation: Die Kirchenredaktion der ARD bemüht sich um ein modernes Format, um Interesse am Reformator zu wecken. Doch vieles bleibt sehr hölzern.

„Die Luther-Matrix“
„Die Luther-Matrix“ ist ein Film der ARD-Kirchenredaktion, der mit einem Mix aus Krimi und Dokumentation den Zuschauern Martin Luther näherbringen will. Foto: (SWR-Pressestelle/Fotoredaktion)

Vorsicht: Camouflage. Was hier im Gewand eines Krimis im digitalen Zeitalter daherkommt, ist tatsächlich – eine kirchliche Sendung. „Die Luther-Matrix“ wurde von drei ARD-Fachredaktionen für den Bereich Religion ausgetüftelt. Die Redakteurinnen Ulrike Häfner, Susanne Sturm, Anja Würzberg kleiden ihre Idee im Vorwort des Pressehefts in die Frage: „Wie weckt man im Reformationsgedenkjahr 2017 auf ungewöhnliche Weise Interesse an Martin Luther?“ Nun könnte man rätseln, warum es eine „ungewöhnliche Weise“ sein muss, aber bekanntlich führen viele Wege nach Rom – in diesem Fall: nach Wittenberg.

Und so soll anhand eines zeitgemäßen Settings herausgearbeitet werden, wie zeitgemäß der Mann und seine Ansichten 500 Jahre später sein könnten. Nun gilt nach dem Wort eines anderen bedeutenden deutschen Denkers die Losung: Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, und da hat der Mönch aus Wittenberg selbstredend einiges zu bieten. Also nimmt man sein neudeutsch so genanntes role model, den Oppositionellen, den Revolutionär. So wird aus dem widerständigen Mönch der heutige Prototyp des Systemkritikers, der Hacker.

Um den zum Reden (statt zum Predigen) zu bringen, lässt Autor und Regisseur Tom Ockers seinen Protagonisten erst einmal verhaften. Der Mann habe sich Zugang ins elektronische Hirn der Regierung verschafft, den „gesamten Giftschrank der Nation abgesaugt“, tobt der cholerische Chef der Staatsschützer, und nun wollen die Sicherheitsexperten Motive, Hintergründe, Hintermänner (nie: Hinterfrauen...) wissen. Was Gelegenheit gibt, diverse Sentenzen Luthers, auf den sich der Whistleblower selbstredend beruft, zu zitieren. Dass es dabei auf die anthropologische Konstante der Forderung nach „Freiheit“ hinausläuft – geschenkt.

Einige interessante Experten-Aussagen

Unterhaltsamer als die Bekenntnisse des Häftlings („Ich bin im Besitz der Wahrheit!“) sind die Recherchen der Ermittler. Sie schicken eine als Journalistin getarnte Kollegin durch die Lande, um von Experten ein genaueres Bild des Mannes gezeichnet zu bekommen. Und diese Fachleute sind real. So können Luther-Koryphäen wie Historiker Heinz Schilling, Pastor Friedrich Schorlemmer, die Kardinäle Walter Brandmüller und Gerhard Ludwig Müller, Chef der Glaubenskongregation, vulgo: Inquisition, und auch Pastorin Margot Käßmann (doch noch eine Hinterfrau...) an den Wirkungsstätten Luthers oder im Vatikan Anekdoten und Ansichten zum Besten geben. Die erweisen sich auch als Lektion in Geschichte für Nerds, deren einer hier in der Figur des tätowierten IT-Experten der Staatsschützer auftritt. Dazu passt, dass als Comicstrip eingeblendet wird, was zu umständlich für die filmische Darstellung scheint.

Immerhin gelingt der Rechercheurin, die Experten zu einigen Aussagen zu bewegen, die sich abheben vom Einerlei der Reformationsjubelfeiern. So definiert Kardinal Müller den Begriff der „Hölle“ als das Vergeuden des eigenen Lebens und gibt im übrigen Luther „völlig recht“, was dessen Kampf gegen den Ablasshandel angeht. Kirchenhistoriker Brandmüller wiederum beschreibt den Reformator – 500 Jahre später – als „psychisch schwer konfliktuellen jungen Mönch“ mit Verdauungsstörungen, der nicht in der Lage gewesen sei, sich selbst infrage zu stellen. Bischöfin Käßmann sieht Luther auch als „angstgetrieben“. So kommen seine Ausfälle gegen die Juden, die Türken („Gottes Rute“) und die aufständischen Bauern ebenfalls zur Sprache.

Sentenzen Luthers klingen arg hölzern

Insofern gelingt es dem Film, ein Lutherbild in anderem Zusammenhang zu zeigen. Nur die bekenntnishaft vorgetragenen Sentenzen des Wittenbergers aus dem Mund des verhörten Hackers geraten immer wieder arg hölzern. Da knirscht es im Gebälk der Handlung wie eine Diele im Lutherzimmer auf der Wartburg, weil sich die Gegenwartshandlung dann doch nicht in die Erzählung über Luther einfügen mag.

Und mit der wohl als Biographen-Pflicht empfundenen Erwähnung der Fähigkeiten Katharina von Boras als Luthers Ehefrau verlässt der Film dann endgültig die Sphäre des Digital-Thrillers – der dann auch etwas arg abrupt endet. So wirkt der auf ein möglichst modernes Format gebrachte Rahmen für dieses Luther-Porträt dann doch verzogen. Aber dem Bild des Reformators wird das kaum schaden.

„Die Luther-Matrix“, ARD, Dienstag, 11. April, 23 Uhr.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Martin Luther

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