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„Die letzte Sau“ (ZDF) Die Welt ist ein dunkler Ort

„Die letzte Sau“ ist ein sehenswertes tragikomisches Road-Movie mit Golo Euler als Allgäuer Kleinbauer, der ungewollt eine Revolution auslöst.

Die letzte Sau
Endlich erleichtert: Huber (Golo Euler) und Imker Meier (Thorsten Merten). Foto: ZDF/Andreas Steffan

Vor diesem Film muss gewarnt werden: Er enthält Bilder, die sensible Menschen verstören könnten. Manch’ einer wird schon kurz nach dem Beginn lieber wegschauen, wenn ein Ferkel kastriert wird. Bald darauf gibt es eine Schlachthausszene, die ebenfalls ungeschönt zeigt, was dort mit Schweinen passiert. Während dieses Tier jedoch einen vergleichsweise würdevollen Tod stirbt, gehen die späteren Aufnahmen aus einem Massenmastbetrieb an die Nieren: Ein Mann greift in einen Pferch, greift sich wahllos ein Ferkel und schlägt es tot; und doch ist „Die letzte Sau“ eine Komödie.

Aron Lehmann erzählt in diesem Film, den das ZDF im Rahmen seiner Reihe „Shooting Stars – Junges Kino im Zweiten“ ausstrahlt, die Geschichte des jungen Bauern Huber (Golo Euler), der einsehen muss, dass sein kleiner Hof keine Zukunft hat. Also setzt er seine letzte Sau in den Beiwagen seines Mopeds und macht sich auf den Weg, zunächst ohne Ziel, doch dann mehr und mehr von einer Aufgabe beseelt, die schließlich unerwartet Nachahmer findet; die grausigen Bilder sind Teil der Botschaft.

Zunächst jedoch beginnt Lehmann (Buch und Regie) seine Geschichte mit einer Kaskade lustiger Missgeschicke: Hubers Bett bricht zusammen, aus dem Boiler kommt nur kaltes Wasser, beim Mistschaufeln bricht die Schaufel ab, der Reifen der Schubkarre ist platt, und dann geht auch noch der Treckermotor in Flammen auf.

Dieses letzte Bild zeigen Lehmann und sein Kameramann Christian Pirjol aus sicherer Entfernung, denn Hubers Zorn ist gewaltig. Weil er aber nur noch eine kleine Gestalt am Horizont ist, wirkt der Tobsuchtsanfall wie die Wutausbrüche des HB-Männchens.

Und dann ist da noch die unverkennbare Stimme Herbert Knaups, der als Erzähler durch den Film führt, und da er das in tiefstem Allgäuer Dialekt tut, klingen die Kommentare komisch, obwohl sie oft gar nicht so gemeint sind („A Viech is a viech, wie der Mensch auch“). Knaup erzählt „das Märchen vom Bauern Huber“, der auszieht, weil ihn die Folgen der Globalisierung das Fürchten gelehrt haben: Als kleiner Landwirt hat er keine Chance gegen die Großbauern, die ihre Höfe wie Industriebetriebe führen. Ausgerechnet Birgit (Rosalie Thomass), Tochter des größten Grundbesitzers der Gegend, nötigt ihn geradezu dazu, ihr einen Antrag zu machen, und Huber würde auch gern, aber sein Hof ernährt ja nicht mal ihn selbst.

Als Birgit daraufhin nach Brandenburg auswandert, wo ihr Vater einen weiteren Betrieb übernommen hat, Metzger Willi (Heinz-Josef Braun) sich vor Hubers Augen nach einem misslungenen Banküberfall in den Kopf schießt und während der Beerdigung ein unbekanntes Flugobjekt Hubers Haus zertrümmert, macht sich der junge Mann sich aus dem Staub.

Im Verlauf seiner Reise trifft er eine Reihe seltsamer Zeitgenossen, die wie er den Anschluss verpasst haben. Ein verzweifelter Wanderimker (Thorsten Merten), dem er neuen Lebensmut gibt, lehrt ihn, dass die Welt ein dunkler Ort sei und Menschen wie sie deshalb Leuchtfeuer anzünden müssten. Ein Hausbesitzer (Bernd Stegemann), dem er dabei hilft, sein Heim zu verbarrikadieren, beschwört ihn, keinen Meter zurückzuweichen. Und so wird Huber zum Freiheitskämpfer, der durchs Land zieht und Masttiere befreit, wobei der jedes Mal die Botschaft „So geht's nicht weiter“ hinterlässt. Sie wird zu seiner Verblüffung zum Schlachtruf militanter Tierschützer, die seinem Vorbild nacheifern. „Und so“, beendet Knaup das Märchen, „ist dem Huber die Revolution passiert.“

Lehmann hat 2013 schon mit seinem witzigen Regiedebüt „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ (über das Scheitern eines Filmprojekts) gezeigt, dass er ein Mann für besondere Geschichten ist. Die große Stärke dieser selbstironischen Komödie waren die vielen überraschenden Einfälle, die der vermeintlich gradlinigen Handlung immer wieder verblüffende Wendungen geben.

Sein Zweitwerk „Highway to Hellas“ (2015) handelte von der nicht minder witzigen Konfrontation deutscher Bürokratie mit griechischer Lebensfreude. Im Vergleich zu „Kohlhaas“ war dieser Film gerade auch dank Hauptdarsteller Christoph Maria Herbst geradezu kommerziell konzipiert und hatte auch deutlich mehr Kinozuschauer, lag aber dennoch nur bei 80.000 Besuchern; das waren jedoch immerhin fast viermal so viele wie für „Die letzte Sau“ (2016).

Angesichts der unangenehmen Tierszenen, des ausgeprägten Dialekts, eines kurzen Ausflugs in Horrorgenre gegen Ende und schließlich eines schwarzen Humors, der erfahrungsgemäß nicht jedermanns Sache ist, lässt sich zwar nachvollziehen, dass das ZDF den ab zwölf Jahren freigegebenen Film nicht schon um 20.15 Uhr zeigt, aber 23.45 Uhr hat er nicht verdient, zumal Lehmann und Koautor Stephan Irmscher unter anderem eine waschechte Romanze erzählen. In der schönsten Szene verliebt sich Huber in Birgit, als sie ihm ein Lied von Ton Steine Scherben vorsingt. Optisch übertroffen wird dieser Moment nur noch von einem überaus innigen Tanz beim Dorffest, den Pirjol in bester Liebesfilmtradition fotografiert hat.

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