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„Die Karawane der Pflegerinnen“ Von Müllverträgen und Ausbeutung

Inhaltlich komplex, filmisch jedoch eher einfallslos: Die Dokumentation informiert über den Alltag unzähliger Polinnen, die sich um pflegebedürftige deutsche Senioren kümmern.

„Die Karawane der Pflegerinnen“
Alicja Dawid arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Betreuerin in Deutschland. Foto: Stefan Hoge

Praktisch jede Familie ist vom Pflegenotstand betroffen. Viele sind nicht in der Lage, sich um ihre betagten oder dementen Angehörigen selbst zu kümmern. Die wirklich guten Heime können sie sich nicht leisten, die bezahlbaren wollen sie ihren Eltern nicht antun, also engagieren sie eine preiswerte Pflegekraft aus Osteuropa. Niemand kennt die genauen Zahlen, weil die meisten Frauen schwarz arbeiten; laut Schätzungen sind es insgesamt an die 400.000. Das Thema des Arte-Schwerpunkts „Pflege in Not“ geht also praktisch jeden an; und sei es, weil man irgendwann selbst pflegebedürftig werden könnte. Was aber macht die Programmplanung des Kulturkanals? Sie lässt den Themen-„Abend“ nachts um 22.50 Uhr starten. Für einen Sender mit einer ohnehin überschaubaren Zuschauerzahl ist das eine erstaunliche Entscheidung.

Sie ist umso bedauerlicher, weil gerade die erste der beiden Dokumentationen, „Karawane der Pflegerinnen“, sehr anschaulich vor Augen führt, welche Fehler die Angehörigen der Pflegebedürftigen vermeiden sollten. Filmisch ist Ingo Dells Beitrag zwar konventionell bis zur Einfallslosigkeit, aber inhaltlich bearbeitet er das Thema von allen Seiten. Protagonistin ist Alicja, eine 57jährige Polin; sie kümmert sich um eine bettlägerige Paderbornerin, die rund um die Uhr betreut werden muss. Alicja ist von der Caritas vermittelt worden, sie ist keine Schwarzarbeiterin. Das Beschäftigungsverhältnis ist nicht perfekt, denn theoretisch müssten auch die Nächte zur Arbeitszeit zählen, weil die Polin dank eines Babyfons ständig in Bereitschaft ist; außerdem ist die Arbeit körperlich recht anstrengend. Aber Alicja beklagt sich nicht, zumal sie es weit besser hat als viele ihrer Landsmänninnen, die von mitunter dubiosen Agenturen nach Deutschland vermittelt werden.

Die Zahl der Schwarzarbeiterinnen in dieser Branche liegt angeblich bei 90 Prozent. Diese Frauen haben meist weder eine in Deutschland gültige Krankenversicherung noch zahlen sie Beiträge zur Sozialversicherung; wenn sie dereinst nicht mehr arbeiten können, droht ihnen die Altersarmut. „Müllverträge“ heißen die entsprechenden Papiere daher im Branchenjargon, weil sie nicht mal den Gang zum Arbeitsgericht ermöglichen. Dass unangemeldete Beschäftigungsverhältnisse nicht nur für die Arbeitnehmerinnen ein hohes Risiko darstellen, zeigt ein Besuch bei einer Frau in Bayern, die sich keiner Schuld bewusst war, als sie eine Pflegekraft für den dementen Großvater engagierte; nun droht ihr eine Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft.

Dell Films ist das Ergebnis einer aufwändigen Recherche, er hat verschiedene Vermittlungsagenturen besucht und mit Polinnen gesprochen, die sich in den frühen Morgenstunden als „Karawane der Pflegerinnen“ auf den Weg nach Deutschland machen. Ergänzende Gespräche führte der Autor mit Repräsentanten aus Forschung und Verbänden, die die Hintergründe sowie die rechtlichen Rahmenbedingungen erläutern. Einige Male verirrt sich der Film im Detail; der Exkurs über das polnische Arbeitsrecht zum Beispiel ist eher überflüssig. Außerdem war Dell offenbar der Meinung, die Komplexität der Materie könne das Publikum überfordern, weshalb es zwischendurch mehrere grafisch illustrierte Zusammenfassungen gibt; das erinnert ein wenig an Wissensmagazine aus dem Kinderfernsehen.

Möglicherweise hat Alicja Dell zuliebe jedes Mal ihren auffälligen Lieblingspullover angezogen, aber vielleicht war er auch bloß für einen einzigen Tag in Paderborn. Trotzdem ist die Polin eine ausgezeichnete Protagonistin, weshalb die Heimwehmomente, mal mit Schlagern, mal mit Eltern, gar nicht nötig gewesen wären. Andererseits deutet das Videogespräch mit ihrem gleichfalls pflegebedürftigen Vater ein weiteres Problem dieses facettenreichen Themas an. Wenn sich herzliche Polinnen um die gebrechlichen Deutschen kümmern, liegen die Vorteile für beide Seiten auf der Hand, und das nicht nur, weil selbst der hiesige Mindestlohn höher ist als der mögliche Verdienst in Polen; Alicja war zuvor fünf Jahre lang arbeitslos. Die Frage ist nur: Wer kümmert sich jetzt um die Generation ihrer Eltern? Dell beendet seinen Film mit dem Satz „Die Karawane zieht weiter“; das passt zwar gut zum Titel, ist inhaltlich aber natürlich Unfug, denn das hieße ja, dass die Polinnen von Deutschland weiter etwa nach Skandinavien zögen.

Im Anschluss zeigt Arte den Film „Der Pflegeaufstand“ (23.45 Uhr). Ausgangspunkt der Dokumentation ist eine Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht. Der Staat, heißt es darin, vernachlässige seine Schutzpflicht für pflegebedürftige Menschen und gefährde damit deren Grundrechte. Für Autorin Ariane Riecker war dies der Anlass, das System der Pflege zu hinterfragen. Im Gespräch mit diversen Sachverständigen beschreibt sie, wie das deutsche Pflegesystem organisiert wird und welche Folgen es hat, dass die Pflegebranche sich weitgehend selbst kontrollieren darf.

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