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„Die Heiland - Wir sind Anwalt“, Das Erste Der Papagei seufzt leise „Liebling“ …

Justitia ist blind, die Titelheldin der neuen Anwaltsserie im Ersten ebenfalls. Aber sie weiß sich zu helfen.

Die Heiland - Wir sind Anwalt
Die ambitionierte Anwältin Romy Heiland (Lisa Martinek, l.), von Geburt an blind, eröffnet ihre erste eigene Anwaltskanzlei in Berlin. Als Assistentin engagiert sie die eigensinnige Ada Holländer (Anna Fischer, r.), die ihr vom Arbeitsamt vermittelt wird. Foto: ARD/Reiner Bajo

Gut zwanzig Jahre sind vergangen, seit sich die Türen der Berliner Anwaltskanzlei Liebling für die Augen der Fernsehzuschauer schlossen. Manfred Krug war spätestens mit der Titelrolle der Serie „Liebling Kreuzberg“ zum, das Wortspiel ist beinahe unvermeidbar, Publikumsliebling beider deutscher Staaten geworden. Jurek Becker und später Ulrich Plenzdorf hatten ihm maßgeschneiderte Drehbücher geschrieben, mit einer guten Portion Schalkhaftigkeit und aktuellem Zeitbezug. 1986 war die Serie gestartet, es folgten turbulente Jahre. Gerade in Berlin. Die Umbrüche lassen sich aus der Serie herauslesen.

Wenn Papagei Youri in der neuen Anwaltsserie „Die Heiland – Wir sind Anwalt“ immer wieder mal „Liebling“ krächzt, dann dürfen ältere Zuschauer sich über die Anspielung freuen. Jüngere können sie getrost ignorieren. Und ihre Aufmerksamkeit voll und ganz Romy Heiland schenken, der neuen Rechtsberaterin im Bereich der deutschen Serienunterhaltung. Headautorin der sechsteiligen Serie ist Jana Burbach, und die hat sich zur Abwechslung nicht an US-amerikanischen Vorbildern orientiert, sondern ihr Konzept auf Basis der Biografie „Ich sehe das, was ihr nicht seht“ von Pamela Pabst entwickelt. Pabst ist von Geburt an hochgradig sehbehindert, hat Jura studiert und führt in Berlin eine eigene Kanzlei.

Alle drei Eigenschaften treffen auch auf Romy Heiland (Lisa Martinek) zu. Lange Zeit war sie Sozia im Anwaltsbüro ihres früheren Lebensgefährten Ben Ritter (Peter Fieseler) und hat sich just in doppeltem Sinne verselbstständigt. Ihre Beweggründe bleiben vorerst offen, eines jener Momente, die episodenübergreifend für Spannung sorgen.

Auf menschliche Augen angewiesen

Für ihre neue Kanzlei benötigt Heiland eine Bürogehilfin, stößt buchstäblich auf die burschikose Ada Holländer (Anna Fischer) und heuert sie vom Fleck weg an. „Was soll schon schiefgehen?!“, sagt Heiland optimistisch – und deutet schon an, woher die Serie einen Teil ihres Unterhaltungspotenzials beziehen wird. Holländer obliegen nicht nur die üblichen organisatorischen Aufgaben, sie muss auch einspringen, wenn ihre Chefin trotz aller souverän beherrschten Hilfsmittel auf menschliche Augen angewiesen ist. Holländer beschreibt Fotos oder auch menschliches Verhalten, leiht Heiland ihren Arm, wenn die sich auf fremdem Parcours bewegt.

Die Blindheit der Titelfigur eröffnet dem Team um Headautorin Jana Burbach, die als Koautorin auch am Kritikererfolg „Bad Banks“ beteiligt war, allerlei Möglichkeiten abseits der Genrekonvention. Hauptdarstellerin Lisa Martinek hat sich erkennbar intensiv auf diese Rolle vorbereitet. Die Unsicherheiten sehbehinderter Menschen in fremden Umgebungen, der manchmal ziellose Blick ins Ungewisse, das Ausrichten des Gehörs, das zur Orientierung beiträgt – all das wird von ihr aufmerksam erfasst und bis in feinste Nuancen dargestellt.

Amouröse Verwicklungen

Ansonsten jedoch entspricht die Serie bewährten Mustern mit bekannten Typen. Die vorlaute Ada Holländer sorgt für allerlei Drolerien und amouröse Verwicklungen. Die Mutter Karin Heiland (Peggy Lukac) ist überfürsorglich, Vater Paul (Rüdiger Kuhlbrodt) war selbst Jurist und lässt gelegentlich seine alten Verbindungen spielen. An solchen Stellen nehmen die Autoren erzählerisch eine Abkürzung. Im Vergleich dazu hatte es die unvergessene Selfmade-Anwältin Danni Lowinski in der gleichnamigen Sat1-Serie deutlich schwerer, was der Originalität der Handlung sehr zugute kam.

Wenngleich die Autoren vor Themen wie Vergewaltigung, Pflegenotstand, Homosexualität bei der Polizei nicht zurückschrecken, ist diese Serie von der Mehrbödigkeit und dem zupackenden Sozialrealismus von „Danni Lowinski“ vorerst noch weit entfernt. Die Erzählung fügt sich passgenau in das Aufgebot der Dienstagsserien im Ersten, die zwar keine heile Welt vorgaukeln, aber oftmals eine Art Grundoptimismus verbreiten. Womit sie offenbar einem Bedürfnis der Zuschauerschaft entsprechen. Die Serien finden, zumindest im linearen Fernsehen, regelmäßig größeren Zuspruch als manch gefeierte Avantgardeserie. Bei „Liebling Kreuzberg“ damals kam beides zusammen: Mit hoher inhaltlicher Qualität erreichte die Serie, ganz ohne effekthascherische Mätzchen, ein großes Publikum. Kein Phänomen des vergangenen Jahrhunderts, der Coup kann auch heute noch gelingen. In den USA hat es die Senderkette NBC mit der Familienserie „This Is US“ (in Deutschland montags und online bei Sixx) vorgemacht. Trotz komplexer Erzählweise mit kühnen Zeitsprüngen über mehrere Ebenen hinweg konnten die Sender die Quoten von der ersten zur zweiten Staffel noch einmal steigern. Am 25. September startet in den USA die dritte Staffel. „Läuft“, würde der Volksmund sagen.

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