Lade Inhalte...

„Die guten Feinde“, arte Zwischen den Mühlen der Geschichte

„Die guten Feinde - Mein Vater, die Rote Kapelle und ich“ ist eine erstaunliche, mitreißende, überfällige Nacherzählung des Schicksals einer lange verleugneten Nazi-Widerstandsgruppe.

2554461 Die guten Feinde
Die Brüder Sebastian (li.) und Christian Weisenborn (re.) mit dem Tagebuch von Günther Weisenborn – eine intime Suche nach der Identität des Vaters. Foto: Kick Film, ZDF

Bei manchen Geschichten denkt man: Die sind so gut, die könnte ein kleines Kind erzählen, und man wäre immer noch gefesselt. Zum Beispiel diese hier, die Geschichte von Günther Weisenborn und der Roten Kapelle. Ab der ersten Minute kann man nicht mehr wegschauen, denn es ist alles drin: eine Familiengeschichte; eine Love-Story; eine Geschichte von Heldentum, von Verrat und von Opfertum; eine Geschichte von Nazis und Widerstandskämpfern, von kommunistischen Spionen und amerikanischen Diplomaten; eine Geschichte vom grausamen, sinnlosen Sterben und vom gierigen, glücklichen Leben.

Sicher, auch ein Kleinkind könnte diese Geschichte gut erzählen. Aber dass sie hier so packend und berührend, so erschütternd und erhebend erzählt ist, das liegt an einem glücklichen Zufall: Zwei der Hauptfiguren sind geborene und professionelle Erzähler. Da war zum einen Günther Weisenborn, der „Vater“ des Titels: ein gefeierter Theaterautor und begnadeter Tagebuch- und Memoirenschreiber. Und sein Sohn Christian, der „ich“ des Titels: seit den Siebziger Jahren ein Drehbuchautor und Dokumentarist, der genau weiß, wann seine Kunstfertigkeit gefragt ist – und wann er sich einfach raushalten und die Bilder und Worte für sich sprechen lassen kann. So wird aus einer faszinierenden Geschichte mit schillernder Figuren und ironischen Wendungen einer der besten Dokumentarfilme, die man dieses Jahr im Fernsehen zu sehen bekommen wird.

Es geht um die „Rote Kapelle“, eine erstaunlich diverse Widerstandsgruppe von Leuten jeden Alters, Rangs und Geschlechts: Alte Stenotypistinnen planten und kämpften hier Seite an Seite neben aufrechten Militärs, anständigen Ärzten, verzweifelten Künstlern und adligen Töchtern. Und mittendrin Weisenborn, der vor und nach seiner Widerstandszeit auch noch alle denkbaren historischen Figuren über den Weg läuft, mit Brecht schreibt, mit Gründgens Theater macht, sich mit Heinrich George prügelt, später im Gestapo-Gefängnis mit Kurt Schumacher Klopfzeichen austauscht (die ihm das Leben retten) und mit Adolf Grimme uf die Befreiung wartet. Im Gegensatz zu 59 seiner Mitverschwörer hat er mehrfach schier unglaubliches Glück, überlebt den Krieg und darf mit der Liebe seines Lebens danach ein beinahe sorgloses Leben aufbauen.

Der eigentliche Skandal, die Verleugnung der Widerstands- und Rettungstaten dieser erstaunlichen Gruppe, ist zwar immer noch bitter, aber dank der extrem späten Rehabilitierung 2009 eher ein absurder Nachklapp: Der amerikanische Geheimdienst verschont den verantwortlichen Militärrichter Roeder vor Verfolgung, weil der ihnen Kommunisten liefern soll – und da nennt er doch gleich die Überlebenden Mitglieder der Roten Kapelle gleich mit. Tatsächlich war die Gruppe in den 40er Jahren, vom US-Geheimdienst ignoriert, bald ins Visier der Sowjets geraten, die sie als Vollblutspione rekrutieren wollten. Aber sie sollten aufhören, Juden bei der Flucht zu helfen oder andere Widerständler zu verstecken – und da hat sich die Gruppe geweigert und stattdessen lieber ihre eigentliche Überzeugungsarbeit geleistet. Nur wollte das nach der Befreiung keiner mehr glauben: Die USA hatten Russen-Paranoia, die SED fand den Mythos der KGB-Unterwanderung sogar nützlich, und die westdeutsche Journaille druckte jahrzehntelang die Nazi-Lügengeschichten nach.

Weisenborn selbst hat die Rehabilitierung seiner toten Mitstreiter nicht mehr erlebt. Dafür leben seine tief erschütternden Sätze und Erzählungen weiter, und sein Sohn setzt damit ihm und den anderen ein filmisches Denkmal, das anrührend, klug und äußerst fesselnd ist. Es sollte, gerade in diesen Zeiten, öffentlich diskutiert, an Schulen gezeigt und generell nicht verpasst werden.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen