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„Die Dasslers“, ARD Bruderkrieg bei den Dasslers

Die nächste große deutsche TV-Historien-Event-Zweiteiler-Familien-Saga kann überzeugen. Das liegt vor allem an der Konzentration aufs Wesentliche: einer klaren, packenden Geschichte.

Szenen aus  „Die Dasslers“
Christian Friedel und Hanno Koffler spielen zwei Visionäre, deren Ehrgeiz und Misstrauen in einen erbitterten Bruderkampf führt. Foto: ARD Degeto/Wiedemann & Berg/Martin Spelda

In vielen großen Institutionen, seien sie wirtschaftlich, politisch oder kulturell ausgerichtet, findet man eine besondere Art der Doppelspitze: Ein brillanter Techniker, der im Hintergrund die eigentliche Arbeit macht; und ein charismatischer Lebemann, der das Ganze nach außen gut aussehen lässt. Schröder und Steinmeier. Jobs und Wozniak. Simon und Garfunkel.

Diese Dynamik (und warum sie zwangsläufig zerbrechen muss) glaubhaft zu erzählen, das ist das eigentliche Verdienst dieses Zweiteilers. In der unübersichtlichen, Jahrzehnte umspannenden Geschichte dieses Bruderpaares hätte es viele Sackgassen und Abschweifungen gegeben, in denen man sich hätte verlaufen können. Es zeugt von guten Instinkten, dass sich Autor Christoph Silber und die Regisseure Cyrill Boss und Philipp Stennert auf eine klare Geschichte geeinigt haben und diese stringent durcherzählen.

Dank dieser Ökonomie und zweier ausgezeichnet gecasteter Hauptdarsteller wird tatsächlich schnell klar, warum der ausschweifende Lebemann und der zurückgezogene Tüftler sich so perfekt ergänzen. Aus dieser Perspektive wirkt selbst der beschleunigte Vorlauf durch Jahrzehnte dieser Erfolgsgeschichte, von den provinziellen Sohlenflickern zur internationalen Marke, seltsam glaubwürdig: Beide sind gleich obsessiv, und man spürt, dass sie gemeinsam unaufhaltsam sind.

Genauso schlüssig werden aber auch die Bruchlinien eingeführt, die schon in diesem ersten Teil für massive Turbulenzen und im zweiten Teil zum direkten Bruderkrieg führen werden. Der eine will Verkaufszahlen, der andere Perfektion. Jeder hält sich für wichtiger als den anderen. Indem die Filmemacher diese klar definierte Dynamik ins Zentrum ihres Films stellen, können sie all die vielfältigen historischen Ereignisse in einer kohärente Narration vereinen: Der eine Bruder geht weg, der andere muss den Laden halten. Der eine Bruder schmust mit der großen Politik, wird aber am Schluss als nicht kriegswichtig zur Wehrmacht eingezogen.

Auch der Höhepunkt ist geschickt gewählt. Die Entscheidung, bei der Berlinale 1936 Jesse Owens gegen den Willen der Nazis heimlich mit deutschen Schuhen zu versorgen, wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein lebensentscheidender Vorgang. Aber durch die vorher gut eingeführten Verstrickungen mit NS-Größen, der Sportindustrie und der internationalen Werbung wird aus dieser einen Entscheidung eine atemberaubende Achterbahnfahrt, die alle fünf Minuten von „fatalem Fehler“ zu „Geniestreich“ und zurück pendelt. Das ist einfach gutes, inspiriertes Erzählhandwerk, das man hier erleben kann.

Natürlich gibt es auch kleinere Kritikpunkte. Die Frauen an den Seiten der beiden Brüder bleiben seltsam blass, und nicht alle Regie-Einfälle sind wirklich originell, wenn auch genug davon funktionieren. Ästhetisch herrscht mal wieder ein bisschen zu viel Hochglanz, man wähnt sich in einem absurd sauberen und hell ausgeleuchteten Historien-Katalog, aber das ist man bei Prestige-Produktionen im deutschen Fernsehen ja inzwischen gewohnt. Und: Müssen die Arbeitersöhne in der fränkischen Provinz in den 20er Jahren wirklich so perfektes Hochdeutsch sprechen? Wenigstens Joachim Król als alten Flickschuster hätte man sich mit fränkischem Akzent gewünscht.

Aber da hören die Beschwerden auch schon auf. Die anfangs noch nach Dokudrama klingende Musik verwandelt sich glücklicherweise bald in einen peppigen Neo-Swing, und Joachim Król und Christoph Maria Herbst dürfen in ihren wenigen, aber eindrucksvollen Szenen mal wieder etwas machen, was man viel zu selten von ihnen fordert: schauspielen. Das alles eingebettet in eine schlüssige, ergreifende Geschichte, und schon freut man sich auf Teil 2.

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