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„Die Anstalt“, ZDF Wie Autokäufer verkauft werden

Eine Sternstunde der „Anstalt“: die Sendung über die Betrüger aus der Autoindustrie.

Die Anstalt
Claus von Wagner und Max Uthoff sitzen in der Regie des Anstalt-Studios. Foto: ZDF/Michel Neumeister

Was darf die Satire? Das fragte einst Kurt Tucholsky, um kurz und bündig selbst zu antworten: alles. Diese Zeiten sind längst vorbei, wie jüngst am Beispiel Jan Böhmermanns zu erleben war. Und auch den Machern der ZDF-Kabarett-Sendung „Die Anstalt“ versuchten spitzfindige Juristen schon mal am Zeug zu flicken, als Claus von Wagner, Max Uthoff und Dietrich Krauß die Verbindungen deutscher Journalisten zu Nato-freundlichen Organisationen offengelegt hatten. Doch die Kabarettisten  obsiegten in letzter Instanz, und ihr Erfolg war weniger ein Indiz dafür, was die Satire darf, als was sie heutzutage  muss, will sie ihr Ziel erreichen: recherchieren, recherchieren und – recherchieren.

In den besten Sendungen gelingt es dem Team, einen Sachverhalt so anschaulich und treffsicher darzustellen, dass im Publikum das Lachen der Erkenntnis über Verhältnisse weicht, die alles andere sind als komisch. Das traf auch auf die jüngste Ausgabe der Anstalt zu, bei der es um den jahrelangen Betrug durch die Autokonzerne ging – passend zur Anhörung der Kanzlerin beim Untersuchungsausschuss. Dort wird sie selbstredend nichts gewusst haben, denn man stelle sich vor, sie räume ein, sie habe Bescheid gewusst. Es gilt noch immer: Was nicht sein darf, das kann nicht sein.

„Autohass von Wagner“ stand als Motto und Firmenschild über der als „Showroom“ eingerichteten Bühne, auf der ein mit Schnauzbart zur Erkennbarkeit maskierter Max Uthoff alias „Zwetschge“ den Autoverkäufer gab. Und in den folgenden 50 Minuten führte er jedes noch so absurde  Argument der Hersteller für den Autowahn auf deutschen Straßen an, während Claus von Wagner mehr oder weniger tobend die Lügen und Verdrehungen entlarvte. Wieder erwiesen sich die für die „Anstalt“  bewährte Dialogform und die Unterstützung durch Schautafeln als  geeignetes Mittel, komplizierte Entwicklungen und Verhältnisse zu beleuchten. 

Es begann damit, dass das „Dienstwagen-Privileg“ vom Steuerzahler finanziert wird und  ging weiter mit Informationen wie der, dass nach wie vor ein Drittel aller Autofahrten kürzer sind als drei Kilometer. Dass die vielfach gepriesene Elektromobilität ihre rußgeschwärzten Schattenseiten hat, kam ebenfalls zur Sprache. Und eine Slapstick-Nummer entlarvte die absurden Messverfahren des NEFZ (Neuer Europäischer Fahrzyklus), mit der TÜV, Dekra und andere die Abgaswerte testen: Von Wagners Fazit: „Sie testen ein Fahrzeug, das es so nicht gibt, mit einer Fahrweise, die es so nicht gibt und erhalten einen Verbrauch, den es so nicht gibt.“

Noch drastischer zeigt sich die Täuschung der Verbraucher beim Thema  Stickoxide. Die Empörung darüber, dass Kraftfahrtbundesamt und Verkehrsminister Alexander Dobrindt  (CSU) nachweislich seit Jahren um die Betrügereien bei der Abgasmessung gewusst haben, gipfelte schließlich in Claus von Wagners Frage, ob sich Dobrindts „immenses Verlangen nach frischer Luft“ dadurch  erkläre, „wie tief im Arsch der Automobilindustrie er steckt“. Der Beifall des Studiopublikums war so stark wie bei keiner anderen Nummer.

Beim Gelächter blieb es nicht, denn am Ende wurde es bitterernst. Claus von Wagner gab zunächst einen als TÜV-Prüfer kostümierten Gott, der unter anderem vorschlug, entsprechend den Zigarettenpackungen  Schockbilder von Getöteten auf die Autotüren zu applizieren.   Das müsse man anders lösen, schlug da Thomas Gsella vor, einst „Titanic“-Chefredakteur. Er kam auf die Bühne und berichtete vom tödlichen Unfall seiner Schwester und  deren Tochter, verursacht durch einen Raser. Dazu war das Bild der beiden Frauen zu sehen.  Und so war das Lachen am Ende dieses Kabarettabends dem Schrecken und der Bestürzung über mehr als 3000 Tote im Straßenverkehr gewichen und beantwortete die Frage, was die Satire dürfe, mit: alles – auch trauern.

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