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„Die Akte General“, ARD Von der Pflicht, unbequem zu sein

Stephan Wagners Fernsehfilm „Die  Akte General“ schildert Fritz Bauer als Einzelkämpfer gegen Justiz und Staat. Es ist der zweite Film zum Thema binnen kurzer Zeit.

Fritz Bauer (Ulrich Noethen) erläutert dem jungen Staatsanwalt Joachim Hell (David Kross): Auch Wagner inszeniert Bauer als Einzelkämpfer. Foto: © SWR/UFA FICTION/Hardy Brackmann

Der Mann ist gerade sehr gefragt. Ist er heute doch geeignet für Erzählungen über einen Helden ohne Fehl und Tadel. Das wäre vor gut 50 Jahren noch anders gewesen. Da hätte der überwiegende Teil der Deutschen  ihn geächtet, wäre seine Homosexualität bekannt gewesen. Und seine unermüdliche Arbeit an der Wiederherstellung einer demokratischen, von Tätern und Mitläufern des Nazi-Regimes befreiten Gesellschaft hat ihn damals auch nicht eben beliebt gemacht, zu Beginn der sechziger Jahre. Damals log sich die junge Bundesrepublik vor lauter Wirtschaftswunder darüber hinweg, dass große Teile ihrer Elite diese Rolle auch schon unter Hitlers Herrschaft gespielt hatten. Fritz Bauer aber sah klar. Er  hatte Lagerhaft und Exil durchlitten und sah seine Aufgabe als hessischer Generalstaatsanwalt  darin, die Täter von damals vor Gericht zu bringen.

Nun schildert schon der zweite Film binnen kurzer Zeit die Arbeit dieses Einzelkämpfers in der Nachkriegsjustiz. Nach „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (2015) von Lars Kraume hat jetzt Stephan Wagner für das Fernsehen „Die Akte General“ inszeniert, und er muss den Vergleich mit Kraumes Film nicht scheuen. Mit forciert flotter Montage und (zu vielen) schönen alten Autos für das Zeitkolorit versucht die Regie, den eigentlich trockenen Stoff einer Justiz-Geschichte zeitgemäß aufzubereiten.

Grundlage für Axel Bureschs Drehbuch war Ronen Steinkes Biographie über Fritz Bauer. Den spielt nun Ulrich Noethen in erstaunlich gelungener Maske als schwäbischen Knurrer, sich seiner isolierten Position in der Justiz bewusst. Wenn er sein Büro verlasse, betrete er Feindesland, sagt er einmal und weiß dabei gar nicht, wie recht er hat. Denn sein engster Mitarbeiter, der junge Staatsanwalt Hell (David Kross) hat heimlich die „Akte General“ angelegt und spielt dem Bundesnachrichtendienst (BND) Informationen über Bauer zu.

Buresch und Wagner fokussieren sich klugerweise auf wenige Jahre, die Zeit noch vor Bauers Eröffnung des Auschwitz-Prozesses, erzählen vor allem von seinem Bemühen, Adolf Eichmann zu fassen. Dabei entsteht das Bild einer Verschwörung des Staates gegen einen seiner führenden Juristen. Allein Hessens Ministerpräsident Georg August Zinn (SPD) hält seine Hand über den Generalstaatsanwalt. Der Geheimdienst aber verfolgt Bauers Schritte, und an der Spitze des Staates wirkt als Konrad Adenauers Chef des Bundeskanzleramts ein Mann, der die nationalsozialistischen Rassegesetze mitformuliert hat: Hans Globke. Bernhard Schütz spielt ihn mit dezenter Unterwürfigkeit.

Wenn er bei Spaziergängen mit Adenauer (die Ähnlichkeit Dieter Schaads (89) mit dem „Alten“ ist frappierend) die Lage erörtert, wird deutlich, wie sehr dessen Denken im Antikommunismus gefangen war. Was Bauer beim Kanzler um so verdächtiger machte, als er mit Kollegen aus Ost-Berlin zusammentraf. Der Jurist aber empfand es als seine Pflicht, „unbequem zu sein“, denn „auch ein homosexueller jüdischer SPDler kann Patriot sein“, wie er dem Kollegen Hell am Ende erklärt. Da setzt das Drehbuch etwas zu oft auf starke Sprüche des Strafverfolgers.

Die Homosexualität Bauers wird hier mehr als einmal angedeutet, soll gar nicht verbürgt sein. Autor Buresch aber wollte die politische und juristische Isolierung Bauers auch auf dessen Privatleben (er war verheiratet; seine Frau lebte in Dänemark) übertragen, um das Publikum spüren zu lassen, „was es bedeutet, die eigenen Gefühle in einer feindseligen Umgebung verbergen zu müssen. Diese Empathie schafft in solchem Maß nur eine Fiktionalisierung“.

Das ist fraglos gelungen. Erkennbar wird ein Mann, der es als Folge von eigenen Erfahrungen und seinem unbeugsamen Willen allen Behinderungen zum Trotz schafft, nicht bloß einen der größten Nazi-Verbrecher  seiner Strafe zuzuführen, sondern später mit dem Auschwitz-Prozess ein neues Kapitel der Geschichte der Bundesrepublik aufzuschlagen. Aus dem angefeindeten Juristen der sechziger Jahre ist heute ein umumstrittenes Vorbild für aufrichtige Gesinnung geworden.

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