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„Der Usedom-Krimi: Nebelwand“ Verwüstete Seelen, verbrannte Gesichter

Der Begriff „Degeto-Produktion“ muss kein Schimpfwort sein. Das beweist das ARD-eigene Unternehmen unter anderem mit seinen subtil und in Fortsetzungen erzählten Usedom-Krimis.

Nebelwand - Der Usedom-Krimi
Julia (Lisa Maria Potthof, r.) fragt ihre Tochter Sophie (Emma Bading) nach Jakob. Foto: (NDR Presse und Information)

Unverkennbar wirkt sich positiv aus, dass die Reihe „Der Usedom-Krimi“ seit ihrem Beginn im Jahr 2014 durchgängig in Händen des Autorentrios Scarlett Kleint, Alfred Roesler-Kleint und Michael Illner blieb. Ganz klassisch arbeitet sich Kriminalhauptkommissarin Julia Thiel (Lisa Maria Potthoff) von Fall zu Fall.

Zugleich wird die Familiengeschichte der Thiels über die Einzelfolgen hinweg sinnig fortgeschrieben, vor allem der mittlerweile halbwegs beigelegte, mitunter noch aufflackernde Zwist mit Thiels Mutter Karin Lossow (Katrin Sass), die im Affekt ihren Ehemann, Julias Vater, erschossen hatte. Mit Julias Dienstwaffe. Und weil Lossow vor ihrer Verurteilung als Staatsanwältin tätig war, hat sie zu Julia Thiels Kriminalfällen auch manches zu sagen und beizutragen.

Weil die Geschichten in überschaubarem geografischen Rahmen auf Usedom spielen, können diese Verwicklungen durchaus glaubwürdig gestaltet werden. Hier wird, gerade auch im Vergleich zu anderen Reihen des donnerstäglichen Krimitermins, eher mit der feinen Nadel gestrickt. Manchmal sind es kleine Gesten, Randbemerkungen, verhaltene Winke, die das oft angespannte Verhältnis der Figuren markieren.

Wenn die Tochter flügge wird

Für anhaltenden Konfliktstoff sorgt desgleichen Julia Thiels eigene Tochter Sophie (Emma Bading), die von zu Hause aus- und zur Oma gezogen ist. Karin Lossow begegnet der Enkelin mit nachsichtiger Fürsorge. Ihr entgeht keineswegs, dass Sophie einen jungen Mann in ihrem Zimmer versteckt, sie sieht aber vorerst darüber hinweg. Jäckie (Oskar Bökelmann) heißt der Galan. Ein Waisenkind, das von einem Jugendhilfeprojekt betreut und von dort zu polnischen Zieheltern vermittelt wurde. Darin ist Jäckie nicht der einzige. In Polen ist die Kindererziehung billiger.

Diese Dinge kommen zur Sprache, als eine für die Jugendarbeit vorgesehene Jacht in Flammen steht. Eindeutig Brandstiftung, verschärft noch durch den Umstand, dass sich eine Obdachlose auf dem Schiff aufhielt und beim Brand schwer verletzt wurde. Julia Thiel und ihre Kollegen ermitteln und müssen zwangsläufig auch Jäckie vernehmen. Dessen Eltern kamen vor Jahren unter ungeklärten Umständen bei einer Schiffskollision ums Leben. Damals ermittelte die Staatsanwältin Karin Lossow. Erfolglos. Neue innerfamiliäre Auseinandersetzungen sind vorprogrammiert.

Wer ohne Sünde ist …

Vielerlei Dinge heben die von NDR und Degeto koproduzierte Reihe und speziell die aktuelle Episode über den Durchschnitt. Da ist neben dem kritisch aufgenommenen Thema der außerbehördlichen Jugendbetreuung die Ambivalenz der meist mürrischen, hinter dem robusten Auftreten sehr verletzlichen Hauptfigur Julia Thiel, die mit dem Verbrechen der Mutter hadert und der Tochter ein Vorbild sein möchte, aber ehedem eine Affäre mit einem polnischen Kollegen unterhielt.

Auch diese Vorgeschichte klingt gelegentlich an und erfährt nun eine Spiegelung im Verhalten des Ehemannes Stefan Thiel (Peter Schneider), der den Avancen einer Kundin seiner Sicherheitsfirma nicht abgeneigt scheint. Solche dezent eingestreuten Zutaten verfeinern die Erzählung für Stammzuschauer, ohne sie Neueinsteigern zu vergällen.

Subtil auch die Darstellungsweise der Schauspieler, hier erneut unter der Regie von Andreas Herzog, der bereits den Premierenfilm inszenierte. Oft wird still kommuniziert, derweil sind die kargen, mit norddeutsch-trockenem Witz durchsetzten Dialoge eine schiere Freude. Da beklagt der Staatsanwalt (Max Hopp) die hohe Zahl an Einbrüchen auf Usedom und erkundigt sich bei seiner Ermittlerin nach der Aufklärungsquote. Thiels spröde Riposte: „Wie hoch ist der Fruchtanteil im Fruchtjoghurt?“

Mit großer Leidenschaft wirft sich, ihrem Charakter angemessen, die junge Lena Urzendowsky in die Rolle des nach langjährigem Erdulden von Leid, Zwang und Demütigungen widerborstig gewordenen Fürsorgezöglings Simone. Eine preiswürdige Leistung.

Auf die Fortsetzung muss das Publikum, anders als bisher, nicht ein Jahr lang warten. „Trugspur“, der nächste Film der Reihe, der inhaltlich an diesen anknüpft und einige Handlungsfäden weiter- und zu Ende führt, folgt bereits in einer Woche. Dessen Schlusssequenz könnte den Eindruck erwecken, die Reihe sei damit abgeschlossen. Ein Trugschluss – nach Auskunft des NDR sind bereits zwei neue Folgen fertiggestellt. 2018 geht‘s weiter.

 

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