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„Der Unerschrockene“, arte Gefeierter Unterhalter, vergessener Mahner

„Der Unerschrockene“, das faszinierende Portrait des deutschen Filmmoguls Artur Brauner, zeigt einen paradoxen Helden: allmächtig im Filmgeschäft, und doch gescheitert an seinen Ambitionen.

Artur Brauner und Romy Schneider
Zwei Filmgrößen unter sich: Mit Romy Schneider drehte Artur Brauner "Mädchen in Uniform" (1958). Foto: CCC Filmkunst

Das wichtigste Kriterium bei der Beurteilung von Dokumentationen über Filmemacher – und besonders bei solchen über B- und C-Filmemacher – ist: Springt der Funke über? Spüren wir die Begeisterung, den absurden Enthusiasmus? Cem Kaya konnte dies in seiner liebevollen Hommage an das türkische Exploitation-Kino der 60er und 70er wundervoll transportieren, ebenso wie Mark Hartley in seiner furiosen Doku „Not Quite Hollywood“ über das australische „Ozploitation“-Kino.

Dass dieses nostalgisch-romantische Gefühl bei dieser Doku zu Ehren von Artur „Atze“ Brauners 100. Geburtstag nur streckenweise aufkommen will, hat mit den zutiefst ernsten Untertönen zu tun, die immer mitschwingen. Denn Brauner war nicht nur ein Abenteurer, Spinner und Selfmade-Man , der sich voller Kreativität aus dem Nichts und gegen alle Widerstände zu einem Filmmogul hinaufträumte – er war auch ein jüdischer Holocaust-Überlebender, der zwischen all seinen heute kultig bis trashig verehrten Winnetou-, Edgar-Wallace- und Unterhaltungsfilmen auch immer wieder versuchte, die Deutschen mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren.

Das Problem: die Entstehungsgeschichte

Eines der Probleme mit der dieser eigentlich durchaus sehenswerten Doku liegt in ihrer Entstehungsgeschichte begraben. Zu Brauners 100. Geburtstag wurde nämlich Kathrin Andersons letztjährige Dokumentation "Marina, Mabuse und Morituri – 70 Jahre deutscher Nachkriegsfilm im Spiegel der CCC" unter der Ägide von arte-Redakteur Oliver Schwehm (der mit seinen eigenen Dokus zu Winnetou und die Edgar-Wallace-Reihe ebenfalls einschlägige Erfahrung gesammelt hat) erweitert und neu geschnitten.

Es bleibt aber ein Schwerpunkt auf der Nachkriegszeit-Kultur, dem internationalem Umfeld und der nationalen Psychologie, der dazu führt, dass die Doku als Brauner-Portrait etwas in Schieflage gerät. Denn dieser Schwerpunkt lässt den Protagonisten leider gar nicht so „unerschrocken“ wirken, wie der Titel das vorgibt. Statt dem ikonoklastischen, eigenwilligen und lebenslustigen Phantasten, den man in Brauners Biographie durchaus auch sehen könnte, kriegt man einen von der Zeitströmung Getriebenen, einen Paradoxen und Zerbrochenen.

Es ist also keine Trash-Feier, keine Ode an die Durchhaltekraft angesichts mangelndes Talents, sondern ein ernsthafterer Fall: Die Geschichte von einem, der sehr wohl talentiert, vielleicht sogar brillant war; der willens und in der Lage war, einer filmhungrigen deutschen Nation den Nazi-Teufel auszutreiben, den Spiegel vorzuhalten, ja sogar die Tradition des Weimarer Kinos und ihrer emigrierten Meisterregisseure zurück nach Deutschland zu holen und wieder auferstehen zu lassen – aber auch die Geschichte einer reaktionären Nation, die zu nichts von all dem bereit ist,  die ihn mit Singschnulzen, Kitsch-Western und Gruselkrimis reich macht, aber jeden Versuch ernsthaften Filmemachens abblockt, ignoriert oder verreißt. In dieser Erzählung ist wirkt Brauner wie ein glorios Gescheiterter.

Es ist in jedem Fall eine der faszinierendsten Biographien der deutschen Filmgeschichte, und zudem ein wichtiger Blick auf die deutsche Filmlandschaft, die aus dieser Perspektive schockierend klein und peinlich provinziell wirkt. Umso mehr bekommt man Lust, sich einige von Brauners stolzen 250 Filmen nochmal zu Gemüte zu führen – und diesmal vielleicht nicht seine kultigen Trash-Produkte, sondern seine wirkmächtigen, aber jahrzehntelang ignorierten Plädoyers gegen das Vergessen und für eine deutsche Menschlichkeit. Es wäre wieder an der Zeit.

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