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„Der Traum von der Neuen Welt“, Arte Nichts wie weg

Eine vierteilige Doku-Serie nimmt sich ein komplettes Jahrhundert an Ein- und Auswanderung, Technologie- und Ideengeschichte vor. Wenig überraschend, dass dabei ein heilloses Durcheinander herauskommt.

Der Traum von der Neuen Welt
Dorothea Louise Ludwig (Marlene Tanczik) erzählt von ihrem Weg von Hessen in den amerikanischen Westen. Foto: ZDF/Looks International

In den Jahren zwischen 1840 bis 1930 verlassen 55 Millionen Europäer ihre Heimat Richtung Amerika. Kai Christiansens vierteilige Doku konzentriert sich dabei hauptsächlich auf die Einwanderung in die USA. Es ist die letzte thematische Beschränkung in einem völlig überladenen Rundumschlag aus Personen, Themen und Schauplätzen.

Allein die vielfältigen Gründe des Massen-Exodus über immerhin hundert Jahre und ein gutes Dutzend Ursprungsländer hätten gereicht, um die Gesamtlaufzeit zu füllen. Aber wir erfahren nicht nur alles über die Hungersnöte in Irland, die gescheiterten Reformbewegungen in Deutschland und die religiösen und sozialen Spannungen in Skandinavien; noch im ersten Teil geht es auch um Mädchenhandel, den Völkermord an der indigenen Bevölkerung, den Rassismus gegenüber asiatischen Einwanderern und die religiösen Integrationsprobleme in den USA mit den katholischen Iren und Italienern.

Und die zweite Stunde direkt im Anschluss behandelt dann auch noch die neuen nautischen Technologien wie die Schiffsschraube und die Dampfmaschine, das Eisenbahnsystem, die Arbeitsbedingungen in der Industrie, in den Minen und Fabriken, die Verlegung des Unterwasserkabels durch den Atlantik und ... Jules Verne, aus irgendeinem Grund?

Es ist ein großes thematisches Wirrwarr. Aber vielleicht kompensiert die Dokumentation ja in Emotionalität, was ihr an Fokus fehlt? Immerhin legt Christiansen neben den Experten-Kommentaren einen klaren Schwerpunkt auf persönliche Erzählungen von realen, exemplarischen Einzelschicksalen, die aus Tagebüchern und anderen Quellen zusammengetragen werden. Tatsächlich hat er für diese Spielszenen ein für das Dokudrama-Format geradezu sensationelles Cast gewinnen können, mit echten Charakterdarstellern und Kinostars wie Franziska Weisz und Fabian Busch.

Doch auch der Versuch, die vergangenen Generationen zum Leben zu erwecken und echte Empathie zu erzeugen, schlagen fehl. Die Spielszenen sind dröge Monologe, in denen kostümierte Figuren ihren Lebenslauf ungefragt irgendwelchen Fotografen, Malern, Bediensteten, Kindern oder einfach herumstehenden Passanten vorpredigen – und dabei so formalisierte Schriftsprache benutzen, dass man meint, sie hätten ihre eigenen Aufzeichnungen auswendig gelernt. Dabei entsteht in etwa so viel Empathie und Einblick wie bei den kostümierten Fremdenführern in historischen Themenparks. Die verwirrende Tatsache, dass die englischen und französischen Figuren zudem fließendes Deutsch mit aufgesetztem englischen oder französischen Akzent sprechen, unterstreicht diese Laienspiel-Wirkung nur noch.

Wie die Doku ganz richtig erkannt hat, verstecken sich endlos viele spannende Themen in diesem Jahrhundert zwischen der Mitte des 19. und des 20. Jahrhunderts und in dem Komplex der Massenauswanderung. Aber ohne übergeordnete thematische Struktur und klare These bleibt nur ein anekdotischer Brei aus Menschen, Orten und hölzernen Worten. Und zu jedem einzelnen der hier halbherzig angerissenen Themen gibt es wesentlich fesselndere und auch historisch informativere Filme, seien es „Gangs of New York“ oder „Die andere Heimat“.

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