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„Der siebte Tag“ Die gejagte Frau

Mit „Der siebte Tag“ zeigt das ZDF einen Krimi nach der Romanvorlage von Nika Lubitsch. Halbwegs wache Krimifans wissen nach einer halben Stunde, wer der Übeltäter ist, aber das schauspielerische Können macht einiges wett.

Der 7. Tag
Rita (Sesede Terziyan, l.) hat offensichtlich den verschwundenen Michael (Steve Windolf) gesehen. Sybille Thalheim (Stefanie Stappenbeck) ist fassungslos. Foto: ZDF/Roland Suso Richter

Schaut man sich unter der Fülle jüngerer Krimiveröffentlichungen um, gerade auch außerhalb des klassischen Verlagswesens, findet man diese Exposition nicht gerade selten: Protagonistin oder Protagonist erwachen neben einer blutigen Tatwaffe, ersatzweise neben einer Leiche, und im Regelfall macht ihnen ein Gedächtnisverlust zu schaffen. Aus Panik oder weil es aus irgendeinem Grund den Kontakt mit der Polizei zu vermeiden gilt, ergreifen die Hauptfiguren die Flucht und beginnen auf eigene Faust zu ermitteln. Ein altbekanntes Muster, zum TV-Klassiker geworden mit dem Sechzigerjahre-Straßenfeger „Auf der Flucht«. RTL übersetzte die Grundidee 1995 ins Deutsche und tauschte die Geschlechterrollen. Zur Flucht gezwungen sah sich nunmehr Nicola Tiggeler in der Titelrolle in der von Vadim Glowna inszenierten RTL-Eigenproduktion „Eine Frau wird gejagt«. Abermals zeigt sich: Die horizontale Fernseherzählung ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts.

Selbstredend gehören Standardsituationen zum Wesen der Genreliteratur und des Genrefilms. Die Qualität des Werkes ermisst sich anhand der Frage, wie pfiffig und mit welch handwerklichem Geschick diese Bausteine geformt und gesetzt werden. Im vorliegenden Falle hört die Heldin, die sich selbst nicht ganz sicher ist, ob sie am Vorabend zur Mörderin wurde, auf den Namen Sybille „Bille« Thalheim (Stefanie Stappenbeck). Sie erwacht, von der Sonne geblendet, in einem Hotelbett. Neben ihr liegt ein (genre-)typisches Mördermesser. Groß, spitz, blutverschmiert. Sie reißt das ebenfalls blutige Laken herunter, sieht draußen uniformierte Polizisten. Es klopft. Zimmerservice. Sie rafft ihre Sachen zusammen, zieht noch rasch einen Mantel über die blanke Brust, stürzt davon.

Hoffen wir auf eine Fortsetzung

In einem anderen Zimmer der Absteige liegt hingemeuchelt ihr Ex-Mann, mit dem sie noch ein fettes Hühnchen zu rupfen hatte: Michael Thalheim (Steve Windolf) war ein angesehener Rechtsanwalt, bis er sich von heute auf morgen mit Mandantengeldern in Höhe von 20 Millionen Euro nach Südamerika absetzte. Der im Rollstuhl sitzende Ermittler Rainer Warnke (Henning Baum), der an der Seite der forschen Kollegin Tanja Braungart (Josefine Preuß) ermittelt, kann sich noch gut an den Fall erinnern. Und, das muss man Drehbuchautor André Georgi zugute halten, Braungart und Warnke gehen nicht ganz so dümmlich zu Werke wie die hartnäckig irrenden Ermittler in manchen Drei- bis Vier-Groschen-Krimis. Zumindest stellen sie die richtige Frage: Warum kommt ein zwanzigfacher Millionär, der sich dem Zugriff der deutschen Justiz erfolgreich entzogen hat, aus seinem tropischen Vorruhestand zurück in seine Heimatstadt Berlin?

Das fragt sich auch Bille. Sie sucht die Hilfe ihrer besten Freundin Gabi Henke (Katharina Schüttler). Deren Ehemann Ulli (Marcus Mittermeier), der frühere Kanzleipartner des abgängigen Michael Thalheim, steht dummerweise gerade nicht zur Verfügung, um Bille juristischen Beistand zu leisten. Also geht Bille der Polizei weiterhin aus dem Weg und versucht das Geheimnis der vorausgegangenen Nacht in Eigenarbeit zu lüften. Die Henkes sind es denn auch, bei denen die Kriminalisten Braungart und Warnke als erstes vorfühlen.

Es gibt einige gekonnte Elemente in dieser Romanverfilmung. Wenn beispielsweise Bille nach Entdeckung des rotfeuchten Messers erst einmal in heller Panik am eigenen Körper herabblickt in der Annahme, das Blut stamme von ihr selbst, ist dies ein Ausweis für eine durchdachte Inszenierung, für der langjährig krimierfahrene Roland Suso Richter verantwortlich zeichnet.

Gelungen auch die Ausgestaltung des Ermittlerduos. Warnke wurde durch einen Unfall in den Rollstuhl gezwungen, er ist den Umgang mit dem Hilfsmittel noch nicht gewohnt, landet auch schon mal auf dem Boden. Der stämmige Henning Baum macht angenehm unprätentiös deutlich, wie dieser gerade erst in den Dienst zurückgekehrte Invalide zwischen Pragmatismus, Wut und Schicksalsergebenheit pendelt. Bei seiner Kollegin Braungart genießt er keinen Behindertenbonus. Ihm fliegen ihre saloppen Sprüche um die Ohren wie jedem anderen. Bezüglich dieser Figuren bleibt vieles offen, noch einiges zu erzählen und auszuloten. Bei einer TV-Serie wäre das ein Positivum, für einen Einzelfilm ist es eine Spur zu dürftig. Hoffen wir auf eine Fortsetzung.

Zum Nachteil gerät dem Film, dass der Plot beinahe routinemäßig dem Grundschema des handelsüblichen Oberschichtenkrimis folgt: Schöne, wohlhabende Menschen werden abrupt aus der Komfortzone gerissen und sehen sich von einer Minute zur anderen mit existenziellen Herausforderungen konfrontiert. Die sie zumeist mit erstaunlichem Geschick meistern. Obendrein stören einige Schwächen in der Logik und der Umstand, dass schon relativ früh ein entscheidender Hinweis auf den Drahtzieher des Komplotts gegeben wird. Halbwegs wache Krimifans wissen spätestens nach einer halben Stunde, wer am Ende als Übeltäter dasteht. Stefanie Stappenbeck in der Hauptrolle zeigt sich verletzlich, aber ungebrochen, in den Rückblenden charmant, verliebt und oft ein wenig frivol. Ihr schauspielerisches Können macht einiges wett.

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