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„Der Mensch von morgen“, Arte Die Leistung der kulturellen Evolution

Tom Theunissen versucht sich in seinem Dokumentarfilm-Essay in philosophischen Gedankenflügen, die von biologischen Einschätzungen und Forschungen ausgehen.

Der Mensch von morgen
Manche Forscher glauben, dass künstliche Intelligenz Teil unserer weiteren Entwicklung sein wird. Foto: SWR

Vor vielleicht 100 000 Jahren ist die Kunst entstanden, vor 40 000 Jahren war das Genre der Höhlenmalerei zu einer erstaunlichen Blüte entwickelt, vor etwa 10 000 Jahren lernte Homo Sapiens, Milch zu verdauen. Das war in der Evolution des Menschen wohl der letzte wirklich revolutionäre Sprung. Wie konnte es geschehen, dass diese Säugetiergattung sich seither zum Herrscher des Planeten aufgeschwungen hat? Oder ist das eine Selbsttäuschung? Sind wir als selbst ernannte Krone der Schöpfung wirklich erfolgreicher als die Saurier vor 60 Millionen Jahren oder, sagen wir, die Ameisen heute? Und: Ist unsere Evolution zu Ende oder halten Wandel und Auslese an?

Tom Theunissen versucht sich in seinem Dokumentarfilm-Essay in philosophischen Gedankenflügen, die von biologischen Einschätzungen und Forschungen ausgehen. Auf dem weiten Feld der biologischen Welterklärung ist seit anderthalb Jahrhunderten Charles Darwin und sein Werk „Die Entstehung der Arten“ – im englischen Original etwas präziser und länger „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, Or The Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life“ – das Standardwerk, wobei Darwins Gedanken mittlerweile auf ein paar wenige Thesen geschrumpft sind. Vielleicht ist auch das Evolution: Konzentration und Vereinfachung.

Es sind sehr grundlegende und tief schürfende Fragen, die Tom Theunissen bewegen. Er verankert sie sehr klug im Alltag, und die Wissenschaftler, die er befragt, haben einen erfrischend unsentimentalen Blick auf die wesentlichen Dinge: Ist es wirklich so, dass wir als Gattung nahe dran sind, unsere genetische Entwicklung selbst zu kontrollieren? Kann sein. Wird dadurch alles besser? Abwarten. Werden wir uns immer ähnlicher? Zurzeit sieht es nicht so aus.

Statistisch gesehen haben sich menschliche Lebenszyklen im Laufe der Evolution stark verlängert – geht der Trend also zur Unsterblichkeit? Das wäre unter Evolutions-Aspekten ungünstig, denn jegliche Evolution basiert auf Auslese, und das heißt immer: auf dem Verschwinden der jeweils älteren Generationen.

Schade, oder?

Zwischendurch singt Tom Liwa mit zerknittertem Gesicht zur Klampfe einen mehrstrophigen Evolution Blues. Gegen Ende des Films sagt er etwas wie: Man dürfe das alles nicht persönlich nehmen, aber das sei wirklich schwer.

Manchmal dümpelt der Film angenehm vor sich hin. Es gibt interessante, aber nie spektakulär aufgemotzte Effekte und schöne Verfremdungen, die einem Zeit geben, das Gehörte und Gesehene noch einmal an sich vorbei ziehen zu lassen. Manchmal gibt es plötzlich erhellende Gedanken wie den, dass Homo sapiens neben der biologischen eine kulturelle Evolution in Gang zu setzen geschafft und damit die Selektionsmechanismen verändert hat. Manchmal spitzt sich alles zu auf illusionslos brutale Weisheiten, in die Naturwissenschaft manchmal einmündet – etwa, dass das elende Dahinscheiden zahlreicher Menschen nach einer Infektion mit dem Ebola-Virus letztlich auch der Auslese und damit dem Überleben der Gattung diene.

Ob die Entwicklung künstlicher Intelligenz uns einen neuen Evolutionsvorteil verschaffen wird? Theunissen übersetzt diese Entwicklung in den griffigen Satz: „Der Mensch schafft etwas, das schlau genug ist, ihn hinter sich zu lassen.“ Aber er bleibt skeptisch. Milch zu verdauen könnte der bedeutendere Evolutions-Sprung gewesen sein. Und dass das ständige Blicken auf Bildschirme das Ende der Evolution markieren könnte, mag er nicht denken.

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