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„Der Lissabon-Krimi“, ARD Der Knurrhahn und die Kratzbürste

In einer neuen ARD-Reihe soll nun auch Portugals Hauptstadt als Hort des Verbrechens demaskiert werden. Der Auftakt leidet jedoch an einer spürbaren Unentschlossenheit von Autoren und Regie.

Der Lissabon-Krimi: Der Tote in der Brandung
Popov und Tattach in Lissabon unterwegs. Foto: ARD Degeto/Armando Claro

Doppelkinn, Menjou-Bärtchen, Hängebacken und Halbglatze: Der Held im Krimi von heute muss nicht immer ein Schönling sein. Auch Jürgen Tarrach läuft nicht gerade Gefahr, Mister Universum den Rang abzulaufen. Aber der durch schier unzählige Nebenrollen bekannte Darsteller hat sich längst eine Reihen-Hauptrolle verdient. Nun muss er endlich einmal nicht den schmierigen Geschäftsmann oder den sinistren Herrn von nebenan spielen, sondern darf einen ehrbaren Anwalt geben. Und der arbeitet in Lissabon.

„Der Lissabon-Krimi“ heißt der neue Versuch der ARD, touristische Anziehungspunkte Europas als Hort des Verbrechens zu demaskieren. Ach, Lissabon. Das hat Portugals Hauptstadt eigentlich nicht verdient, nach Istanbul, Bozen und Tel Aviv nun auch noch in die donnerstäglichen Blut- und Ballerfilme eingereiht zu werden. Und vielleicht haben Autoren und Regie das ja auch gemerkt, als sie sich mit ihrem Drehort beschäftigt haben. 

Jedenfalls ist von der Atmosphäre, vom Licht und den Sehenswürdigkeiten der „Weißen Stadt“ (Alain Tanner) kaum etwas zu bemerken in diesem Film mit dem Untertitel „Der Tote in der Brandung“ – wobei der Fundort dieser Leiche schon mal nicht im Stadtgebiet gelegen ist. Bloß wenige wiedererkennbare Attraktionen haben es für Momente ins Bild geschafft, wie der Aufzug Elevador de Santa Justa, die Brücke vom 25. April und der Praça do Comércio. Die engen Gassen der Alfama dürfen nur als Angst-Kulisse herhalten. Und selbstverständlich fährt Anwalt Eduardo Silva bei seinen Ermittlungen mit der Touristen-Tram Nummer 28. 

Der ehemalige Staatsanwalt hat schon bessere Tage gesehen und leidet unter dem Verlust seiner Frau. Jürgen Tarrach weiß seiner Rolle einige Facetten abzugewinnen. Sein Eduardo Silva verteidigt in dem Mordfall des Unternehmers Soares dessen Gattin Joana. Die sitzt schon ein, sie scheint überführt, zumal sie von Eifersucht sowie damit einhergehenden hysterischen Anfällen nicht ganz frei ist. 

Silva wird bei seinen Recherchen unterstützt von Marcia Amaya (Vidina Popov), der Nichte eines Freundes. Dabei will er lieber alleine arbeiten und betrachtet die neue Assistentin eher als Landplage. Aber er hat ihrem Onkel nach einer verlorenen Wette versprochen, Marcia zu beschäftigen. Sie hat ein Spitzen-Examen, aber keinen Job und erweist sich zum Glück für den Anwalt als kompetent – wenngleich recht widerspenstig. 

Ein recht konventioneller Plot also: Knurrhahn und Kratzbürste als Ermittler-Duo und eine zu Unrecht Verdächtigte. Weil das nicht genügt, werden als Zutaten krimineller Medikamentenhandel und ein wenig Rassismus-Kritik beigemischt. Denn Marcia ist Angehörige der Roma, und als solche auch in Portugal mit seiner infolge kolonialer Vergangenheit bunt gemischten Bevölkerung nicht angesehen. 

Die Autoren Kai Uwe Hasenheit und Patrick Brunken haben sich nicht allzu viel Mühe gegeben, die Handlung plausibel zu erklären, sondern eines dieser Drehbücher geschrieben, bei denen Entwicklungen und Zusammenhänge nicht schlüssig erscheinen, sondern bloß behauptet werden. Wenn zum Beispiel Anwalt Silva vor Gericht darlegt, warum seine zerbrechliche Mandantin unmöglich ihren toten Gatten im Tejo entsorgt haben kann, sich dann aber herausstellt, dass es deren nicht minder zierliche Schwester genauso getan hat, staunt der Zuschauer über derlei löchrige Logik. 

So bleibt als Eindruck der ersten Folge (eine zweite soll sich anschließen) nicht viel mehr als das Gefühl eines Etikettenschwindels und der Unentschlossenheit von Autoren und Regie (Sibylle Tafel), wovon man hier erzählen wollte. Dass die Location Scouts die Stadt kennen, zeigen einige Einstellungen und das Schlussbild, wenn der Anwalt nach Feierabend sein Glas Tinto im Pavillon über der Pension „Adlernest“ genießt, dem „Ninho das Águias“, wo Autor Wolf Gaudlitz vor mehr als 20 Jahren seinen Film „Taxi Lisboa“ geschrieben hatte.

 

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